»Anderl ...« Die Vef hauchte das Wort kaum hörbar, so daß der Priester sich tief über die Kranke beugen mußte, um sie zu verstehen.
»Kennst die Gungl?«
»Nein, Vef.«
Und lange keine Antwort. Mit geschlossenen Augen lag die Frau da und träumte. Träumte ihren letzten irdischen Traum. Träumte von den Schrofen und Bergmahden, von dem tobenden Wildbach und den haushohen Felsen in seinem Bett, welche die smaragdgrünen Wasser zornig brausend umspülten. Sie hörte sein brodelndes Getöse und hörte dann wieder in weiter Ferne sanftklingenden Glockenton. Es war als wie das Läuten der Schellen von weidendem Almvieh.
Das klang so weich und friedlich und brachte innere Ruhe. Und die Frau lächelte in ihrem Traum. Jetzt war's ja überwunden ... alle Unrast ... alles Böse ... und alle Sehnsucht. Nun war sie wieder in der Heimat ... sah die Heimat und fühlte ihren erquickenden Hauch ... wie wohl das tat ... so kühl und feucht ...
So sanft wie die Vef schlummerte! Andreas Siegwein hatte noch nicht viele Menschen sterben gesehen, aber er fühlte die Nähe des Todes und betete voll Inbrunst am Lager der Frau.
»Gott schenke ihr einen leichten Tod! Herr! Richte sie nicht nach Deiner Gerechtigkeit, sondern nach Deiner Barmherzigkeit!«
Kalter Schweiß stand auf der bleichen Stirn des Weibes, das die Hände wie zum Gebet gefaltet hielt und lächelte. Da entzündete der Priester das Totenlicht.
»Herr, sei ihrer armen Seele gnädig und barmherzig!« sprach er mit lauter, wohltönender Stimme.
Die Vef richtete sich noch einmal mit dem Aufgebot ihrer letzten Kräfte empor. Schaute mit ihren großen, sprechenden Augen verwundert und erschrocken in dem kleinen, einfach ausgestatteten Mietzimmer umher.