Und als dann die heimliche Kasse der alten Frau nicht mehr ausreichte, um die Schulden des jungen Mannes zu decken, verfiel er aufs Schwindeln. Wurde immer dreister und immer raffinierter und machte arge Lumpereien.

Und eines Tages holte ihn der Gendarm mitten aus einer lustigen Gesellschaft vom großen Hotel herunter und brachte ihn ins Gefängnis, das in dem Hauptort des Tales war.

Dieser Schlag traf den Wastl bis ins Innerste seines Herzens, als er davon hörte. Seit Jahr und Tag lebte der Wastl nun schon im Siechenhaus und war völlig abgeschlossen von der Außenwelt und ganz zufrieden mit seinem Dasein. Er hätte es nicht gedacht, daß er noch einmal so zufrieden werden könnte. Er lebte in der Heimat und doch verborgen vor allen; er sah täglich die Berge, die er von Jugend auf gekannt hatte, und genoß den heiligen Frieden dieses schönen Tales.

Was er brauchte, das hatte er, und mehr als das. Denn der Kramer Veit ließ ihm viel Gutes zukommen durch den Andreas Siegwein. Die barmherzigen Schwestern, welche die Obhut hatten über das Siechenhaus, waren gut und liebevoll zu ihm, voll Nachsicht und Verständnis, und ließen ihm alle Freiheit. Er nützte sie aber nur wenig aus, seine Freiheit. Hielt sich nur selten außerhalb des Spitalsgartens auf und war zufrieden, wenn man ihn dort allein auf einer Holzbank sitzen ließ.

Eine hohe Bretterwand umzäunte diesen Garten und schloß ihn gegen neugierige Blicke von außen ab. Gemüsebeete, von einfachen Blumen umgeben, waren in dem Garten. Die Schwestern arbeiteten unermüdlich darin, und Erholungsbedürftige ergingen sich langsam und wohlig im prallen Sonnenschein. Ab und zu spendete ein Obstbaum mit weitausragenden Ästen den ersehnten Schatten, und an den Bretterwänden des Zaunes rankten sich früchtetragende Aprikosenbäume empor.

In einer Ecke des Gartens, hart an der Bretterwand, stand die Bank, auf welcher der Wastl für gewöhnlich zu sitzen pflegte und sich von der lieben Sonne bescheinen ließ. Saß oft viele ... viele Stunden da, einsam und ohne sich eine Gesellschaft zu wünschen.

Er war ein gebrochener, alter Mann geworden, der Wastl, und hatte eine kranke Brust. Das Gesicht war grau, der Kopf kahl, und der Bart wucherte üppig und lang und war schneeweiß. Und groß und leer schauten die dunklen Augen aus dem eingefallenen, schwer durchfurchten Gesicht.

Manchmal gesellte sich ein Kamerad zu dem einsamen alten Manne und sprach mit ihm. War ein guter Bekannter vom Wastl aus seiner Jugendzeit und vom Alpl droben. Der Stanis, den sie damals eingesperrt hatten, weil er dem Fremden die Nase abbiß. Als der Stanis frei kam, war nichts mehr Rechtes mit ihm anzufangen. Einen gewesenen Zuchthäusler nehmen die Bauern nur ungern in Dienst, und wenn er auch noch so tüchtig arbeitet. Und der Stanis war auch recht bockbeinig geworden, und Kraft hatte er wohl auch nimmer gar viel.

So mühte sich der Stanis nicht lange um einen Dienst. Fand er zufällig eine Arbeit, so tat er sie im Taglohn, und wenn nicht, dann bettelte er sich eben durch. Hatte er Geld, dann vertrank er es, und hatte er keines, dann focht er die Fremden darum an. Lebte so richtig und ohne Sorgen in den lieben Tag hinein, lieferte ab und zu Räusche und wurde dann stänkerisch und unangenehm, wie er es ehedem gewesen war.

Schließlich hatte er Aufnahme gefunden im Versorgungshaus, und die Schwestern mochten den kleinen, beweglichen Kerl, der so gern Scherze machte, genau so gut leiden, wie ihn seinerzeit die jungen Melker droben am Alpl gut leiden konnten.