War ganz anstellig, der Stanis, und tat den Schwestern auch manchen Dienst. Und aus Dankbarkeit gewährten sie ihm dann wieder seine volle Freiheit. Von dieser machte der Stanis nun allerdings den ausgiebigsten Gebrauch. Besonders zur Sommerszeit, wenn die Fremden wieder im Tal waren. Da trieb's den Stanis aus dem Spitalsgarten hinaus und unter die Fremden, die er dann regelmäßig in der unverschämtesten Weise anbettelte.
Er umlauerte die Fremden und heuchelte ihnen Demut vor und Achtung, bis er seine Gabe erhielt. Dankte dann aber kaum dafür; denn er haßte sie alle, die nicht herein gehörten ins Tal, und sah ihnen mit boshaft schielenden Augen nach.
So war der Stanis immer in steter Fühlung mit der Außenwelt und wußte ganz genau, was sich im Ort und in der Umgebung ereignete. Vom Stanis erfuhr es der Wastl denn auch, daß man heute seinen jüngsten Sohn ins Gefängnis eingeliefert hatte.
Recht anschaulich schilderte der Stanis den Vorgang. Er hatte es selbst gesehen, wie der Gendarm mit aufgepflanztem Gewehr hinter dem Michl einhergegangen war. Und der Michl habe den Kopf eingezogen gehalten und zu Boden geschaut.
»Weil er si halt g'schamt hat, der Mensch. Woaß man wohl!« schloß der Stanis kaltblütig seinen Bericht und ahnte nicht, wie tief ins Herz er damit den Wastl getroffen hatte.
Es war am späten Nachmittag, zur Hochsommerszeit, und die sinkende Sonne leuchtete rot auf die Bergspitzen des Tales. Ein frischer Wind zog erquickend über die heißerwärmte Erde, und weit im Norden hinten ballten sich die ersten Boten eines heranziehenden Gewitters.
Sie saßen noch eine ganze Weile zusammen auf der Holzbank im Gartenwinkel, die beiden alten Männer. Und keiner sprach ein Wort, nachdem der Stanis ausgeredet hatte.
Es wunderte den Stanis nun doch, daß das alles den Wastl anscheinend so kalt und gleichgültig ließ. Schließlich war's ja doch sein Sohn, den man heute eingeführt hatte. War ihm eigentlich leid um den Michl, dem Stanis. Denn gebessert, das wußte er aus Erfahrung, kam keiner aus dem Zuchthaus heraus.
Als es zu dunkeln begann und der Wastl noch immer kein Wort redete, da riß dem Stanis die Geduld. Etliche Male schon hatte er nach seiner Schnupftabaksdose gegriffen und energisch auf den Deckel geklopft, ehe er sich eine Prise nahm. Und hatte dann auch dem Wastl davon angeboten. Der aber achtete nicht darauf, saß und stierte schweigend vor sich hin.
Boshaft schielte der Stanis aus seinen kleinen schwarzen Augen zu dem Manne hinüber, der weit nach vorn gebeugt neben ihm auf der Bank saß.