Und trug dem Wastl nichts nach. Der Wastl hatte sich gleich wieder beruhigt und war wieder ganz kleinlaut geworden, da er sich über seinen aufbrausenden Zorn schämte. Sie gingen dann, ohne noch viel miteinander zu reden, ganz einträchtig ins Haus hinein und zur Ruhe.
Aber der Wastl schlief nicht. Konnte kein Auge zutun in dieser Nacht und mußte nur immer an den Michl denken und an die Schande, und daß der Michl nun ein Zuchthäusler wurde.
Die ganze Nacht dachte der Wastl darüber nach und auch den darauffolgenden Tag, bis es wieder gegen Abend ging und der Stanis abermals zu ihm in die Gartenecke kam.
Klar und hell hoben sich die Berge im Hintergrund des Tales von dem tiefblauen Himmel ab. In dieser einsamen Gartenecke hatte man einen herrlichen Fernblick. Der hohe Zaun verbot den Blick aufs ebene Tal ... aber weit, dem Süden zu, bauten sich die alten Bekannten des Wastls auf.
Da reckte der Berg, an dessen Lehne der Wastl das Alpl wußte, seine kecke Waldnase empor, und das winzige Hochtal, in dem der Perlmoserhof gelegen war, sah von hier aus gesehen einer frischgrünen Wiese ähnlich. Waldumsäumt und von der ragenden, schroffen Felsenwand des Berges bewacht. Und ganz putzig nahmen sich die paar Bauernhäuser aus. Dunkel und braun und die Dächer so eingeschrumpft wie Hüte, die das Gesicht verstecken sollen.
Ganz zu oberst, am Waldessaum ... das war der Perlmoserhof, und der Wastl sah mit seinen scharfen Augen ganz deutlich die Zickzacklinie des Weges, der herab zum Söllerbauer führte und noch weiter herunter gegen das Haupttal zu.
Wie oft und oft war der Wastl diesen Weg gewandert, jung und frisch und jauchzend und singend. Damals ... als er noch das ganze Leben vor sich hatte. Damals ...
Und jetzt sprach der Wastl zu dem Stanis, der schweigend und abwartend neben ihm saß ... »Hab' denkt, daß alles aus ist ...« fing er schwerfällig zu reden an ... »daß mi nia nix mehr treffen kunnt. Hab' denkt ... die Buben sein versorgt und rechtschaffene Menschen. Hab' nia nit denkt, daß oaner auf so eppas kömmen kunnt ... da bei uns herinnen!« sagte er, und dumpf und klanglos und todtraurig war seine Stimme.
»Bei uns herinnen?« Scharf frug es der Stanis. »Z'wegen was denn nachher nit bei uns herinnen, ha? Ist denn da koa Versuchung nit, ha? Ausg'rechnet bei uns herin, wo's oaner alleweil vor Augen hat, wia fein 's Leben sein könnt', wenn man Geld g'nug hat. Kann mir's leicht fürstellen, wia's den Michl anpackt hat. Ist halt no jung und dumm. Und im Hotel droben ist a fein's Leben. Sein noble Leut' dort und lassen sich nix abgehen, woaß man wohl. Woaß wohl selber, wia's mir gangen ist. Hat mi hinzochen als wia an Falter zum Liacht. Und war' nimmer a so jung g'wesen wie dei' Bua. Und mehra hab' i kennt ... dö aa alleweil aufi sein, derweil der Florl no g'lebt hat. Und koan' hat's guat tan. Koan' oanzigen. G'soffen haben's und g'spielt und g'sungen und g'tanzt. Haben die Hanswürst' abgeben für dö Fremden ... dö Tuifl ... dö verfluachten!«
Kräftig spie der Stanis auf den Erdboden des Gartens; denn nun war er in seinem Element und konnte seinem Haß, den er von jeher schon immer gegen die fremden Gäste hegte, ungehemmten Lauf lassen. Und ganz besonders war dieser Haß genährt worden, seitdem er hatte eines Fremden wegen ins Zuchthaus wandern müssen. Hartnäckig und ohne Selbsterkenntnis machte er dafür nur die Fremden verantwortlich, und jetzt, da er mit dem Wastl sprach, teilte er diese einseitige Ansicht auch diesem mit und brachte den schwerfälligen Mann zu seiner Überzeugung.