Er konnte oft gar nicht mehr stille sitzen, der alte Mann, wenn ihn die Angst um den Martl anpackte. Mußte immer umhergehen, immer auf und ab und seine Gedanken niederkämpfen ... seine bösen Gedanken ...
Waren sie böse? Wirklich böse? Der Stanis sagte, es wäre eine Wohltat für das ganze Tal, wenn die Lahn käme oder ein Blitz einschlüge und alles da droben zugrunde richten würde ... Dann wäre die Luft erst wieder rein ... so köstlich und unschuldsvoll wie damals, als da droben nur grüne Wiesen waren und ganz vereinzelt kleine Felsblöcke darin umherlagerten.
Und wenn das wirklich eine Wohltat war fürs ganze Tal, weshalb führte der Stanis den Plan nicht aus? Hatte es doch ganz genau und haarklein ausgeheckt ... wie's gemacht werden müßte ... damit alles da droben ... das alte und das neue Haus und was noch dazu entstanden war ... von Grund aus vernichtet würde.
War ein gescheiter Mensch, der Stanis! Schade, daß er so feig war und sich immer betrank! Er, der Wastl, trank jetzt nie mehr. Hatte keinen Rausch mehr gehabt, seit damals ... seitdem er die Vef wiedergesehen hatte.
Die Vef! Und immer wieder die Vef! Er konnte sie halt doch nicht vergessen, die Vef! Wie schön sie gewesen war ... wie lustig und jugendfrisch und arbeitsam ... und hatte ihm Kinder geschenkt ... drei Buben und ein Mädel ... und war dann verkommen ... war eine geworden ... eine ... wie hatte der gesagt ... der Schuft ... den er dann erwürgt hatte? ... eine Dirne ... die Vef ...
Und immer wieder die gleichen Gedanken ... immer wieder ... wie ein Mühlrad in seinem Kopf ... drehte sich im rastlosen Kampfe des Guten mit dem Bösen.
Was war gut und was böse? War er, der Wastl, auch feig wie der Stanis? Sollte er zugeben, daß auch sein letzter Bub verkam und der Versuchung unterlag? Wenn er doch nur wüßte, ob ihn der Anderl nicht anlog, ob der Martl wirklich noch ordentlich war?
Und immer größer die Unrast in der Seele des Mannes, immer größer der Zwiespalt in seinem Innern, bis er's nicht mehr aushielt und hinging und sich doch wieder betrank. Toll, wütend und sinnlos. Hatte ja Geld genug, mehr wie genug vom Kramer Veit. Konnte sich schon etliche Räusche leisten, der Wastl, und brauchte dann nicht immer nachzudenken ... Das Denken machte ihn ja noch ganz verrückt. War nichts für einen so alten, einfältigen Menschen ...
Sinnlos wie ein Tier war der Wastl besoffen. Und kehrte dann auch nicht zurück ins Siechenhaus, sondern verkroch sich in einem Heustadel außerhalb des stattlichen Dorfes. Wollte sich nicht so zeigen den Schwestern. Und wollte überhaupt nicht mehr da hinein. Zu was auch? War doch viel freier und schöner außerhalb des Spitalgartens. Konnte viel besser draußen herumwandern, der Wastl.
Es war Spätherbst, und der Stadel, in dem der Wastl für diese Nacht Unterschlupf gefunden hatte war vollgepfropft mit köstlich duftendem Heu.