Nur der Kramer Veit lebte noch. Wie alt er war? Er wußte es selber nicht mehr recht. Aber alt, uralt war er. Und hatte sie alle dahinsterben sehen müssen, die ihm lieb gewesen waren. Auch den Wastl, den armen Narren.

Den hatten sie nach jener Tat ins Irrenhaus gesteckt und dann nach einiger Zeit wieder entlassen. War ein gutmütiger Narr, der Wastl, und lachte immer vergnügt vor sich hin. Tat niemandem etwas zuleide und folgte den Schwestern des Siechenhauses in dem großen stattlichen Dorf draußen wie ein kleiner Hund. Und lebte noch etliche Jahre, bis er dann sterben durfte.

Er hatte sein Weib lange behalten dürfen, der Kramer Veit. Die Regina war noch vor der Notburg dahingegangen. Und das war gut so; denn mit der Regina war nicht angenehm zu hausen. Bis zu ihrem Lebensende lebte sie im eingebildeten Hochmut dahin. Arbeitete nichts und tat nichts und fühlte sich immer als die Frau Regina Siegwein, zu der sie der Florl erhoben hatte. Schmückte sich mit ihren feinen Kleidern, die sie aus besseren Zeiten her besaß. Thronte würdevoll wie eine Fürstin in hellen Seidenkleidern und mit Schmuck beladen in der großen Stube des Kramer Veit und ließ sich von dem Moidele bedienen.

War unförmlich dick und fett geworden, die Regina, war voll von Launen und Kaprizen und hatte kein Verständnis dafür, daß sie nun arm geworden war und abhängig von anderer Leute Barmherzigkeit. Sie fühlte sich als die Mutter des zukünftigen Besitzers des Anwesens vom Kramer Veit, und der Martl war ihr ein Dorn im Auge. Sie konnte die Abneigung gegen ihn nur schlecht verbergen.

Der Kramer Veit und die Notburg aber hegten einen stillen Wunsch. Sie redeten nicht darüber. Nur wenn die beiden alten Leute ganz allein nebeneinander saßen, dann sprachen sie davon, geheim und im Flüstertone.

Sie hätten es gar zu gern gesehen, wenn der Martl die Tochter der Regina geheiratet hätte. Aber die jungen Leute fanden sich nicht. Das Mädel war wie ihr Bruder, der Anderl, und taugte nicht zur Bäuerin. War still und verträumt und sinnierte viel und einsam.

Und als sie droben, wo das große Alpenhotel gestanden hatte, eine Kirche erbauten und der Andreas Siegwein dort als Kurat einzog, da nahm er die Schwester zu sich, damit sie für ihn sorge. Denn unten in der Villa vom Kramer Veit hauste nun die junge Frau des Martl, die er sich zum Weibe erkoren hatte, und die Notburg war tot.

Und die junge Bäuerin war frisch und lustig und lachte gern und sang ihre schmetternden Lieder. War rasch und energisch und voll Arbeitslust. So recht eine Bäuerin, wie es die Vef auch einmal gewesen war. Und bekam Kinder. Eines ums andere, blond und pausbäckig und mit den strahlenden Augen der Vef.

Und das war das Glück für den greisen Kramer Veit. Richtige Bauersleute waren der Martl und sein Weib, solche vom alten Schlag, wie der Perlmoser gewesen war und wie es einmal der Wastl und die Vef auch waren. Richtige Bauersleute, ohne Sehnsucht nach der Ferne und treu der Scholle, der sie entstammten.

Der Alte mit dem schlohweißen, spärlichen Haar, dem gebeugten Rücken und den noch immer scharfen dunkeln Augen schaute beobachtend umher. Und vieles, was er bei dem neu aufwachsenden Geschlechte sah, mißfiel ihm. Sie waren andere Menschen geworden als ihre Eltern und Großeltern, mit einem Zug ins Weite und in die Ferne. Denn viele von ihnen wanderten jetzt von der Heimat ab. Zogen ins Land hinaus als Händler, zogen in die Städte als Dienstleute und Handwerker, und manche reisten auch als Sänger umher.