Und jene, die daheim blieben im engen Tal, paßten sich den veränderten Verhältnissen an. Denn immer größer wurde der Zuzug der fremden Gäste im Land, und immer neue Fremdenhäuser wurden erbaut. In den tiefsten Tälern schon hatten sie Unterkunftshäuser errichtet, und die Söhne und Enkel jenes alten Geschlechtes, dem der Kramer Veit und der alte Perlmoser entstammten, hausten drinnen als Wirte und als Bauern. Und vielfach auch als Händler. Aber sie waren mehr Händler und Wirte wie Bauern.
Die Sitten wurden lockerer im Tal und der Glaube laxer. Und die Priester wetterten von den Kanzeln gegen den Fremdenstrom, dem sie die Schuld beimaßen. Der alte Kramer Veit aber schüttelte seinen Kopf, so oft er davon erzählen hörte. Denn er erkannte den wahren Grund. Und sprach auch mit dem Anderl darüber ... oft und oft.
»'s sein nit die Fremden ... Anderl. Ganz g'wiß nit. 's sein die Bauern schuld und ihr Eigennutz. Siegst, Bua! Bin selber a Handler g'wesen in meine jungen Tag' und hab' viel derlebt. Mit boade Ellbogen hab' i ausstoßen müassen, damit i mi durchbracht hab'. Und hab' nit alleweil an die andern denken derfen ... was die fühlen dabei, wenn i ihnen an Stoß geben hab'. Auf die Weis' hab' i's zu eppas bracht. Bin wohl alleweil a rechtschaffener Mensch blieben ... aber z'erst hab' i an mi denkt. An mi alloan. Aft sein erst die andern kömmen. Und so ist's halt mit die Menschen aa. Jatz ... weil die Fremden im Land sein ... ist die Krankheit bei die Leut' ausbrochen. Ist wia a Pest. Der Eigennutz und die Habgier. Geld ... Geld und no mehr Geld. Früher haben sie's nit derkennt dös Geld ... haben's nit recht begriffen, was es wert ist. Haben g'schlafen und sein iatz munter g'worden. Und dös ist das neue G'schlecht ... das viele von uns nimmer begreifen. Die neuen Bauern.«
Und Andreas Siegwein, der Priester, dessen Schläfen nun auch schon leicht im Silberschmucke prangten, mußte ihm beistimmen.
»Und gottlos sind sie und ohne Glauben ... trotz ihrer Gebete!« sagte der Priester dann, und sein Mund schloß sich herb und weh. Sie taten ihm leid ... die Menschen.
»Nit a so gach, Anderl! Nit a so gach!« warnte der Kramer Veit. »'s braucht alles a Verstehen auf der Welt ... aa das. Ist wia a Rausch über die Leut' kommen ... dö Erkenntnis vom Geld und seinem Wert. Und hat sie antroffen ohne Vorbereitung. Siegst, Anderl ... dös ist's, und dös habt's ös versäumt ... ös Geistlichen. Ös habt's die Bauern dahindämmern lassen ... weil's enk so gepaßt hat. Aufklären hättet's müassen ... erziehen ... derweil's Zeit war. Das Unkraut von die Herzen außerreißen ... den Eigennutz und die Habgier. Zum Stolz hättet's ihr die Bauern erziehen sollen. Der hätt' müassen so groß werden und so gewaltig, daß er dös andere Unkraut überwuchert hätt'. Zu stolz sollten die Leut' sein ... zur Habgier, und zu stolz zum Eigennutz. Dös Drohen mit'n Tuifl und mit der Höll' alloan tuat's nit. Glaub' mir's, Anderl! An stolzen Menschen ist's zu schlecht, die Jagd nach dem Geld alloan. Denn der Stolz aufs wahre Menschentum macht gerecht und gut.«
Und abermals sprach der Priester und lächelte voll Nachsicht und Güte ... »Bist aber doch gegen das Fremde bei uns im Land, Vater? Gesteh's nur?«
Da seufzte der Alte ... lange und schwer, und sagte nichts. Er hatte es getroffen, der Anderl. Im Grunde seines Herzens war der Kramer Veit doch kein Freund der Fremden. Sie brachten ihm die Unruh' ins Land und die Neuerungen, und allmählich würde ein junges Geschlecht im Tal mit allen alten Gebräuchen aufräumen. Das schmerzte den alten Kramer und tat ihm weh.
Er liebte seine Heimat ... so wie sie gewesen war in seiner Jugendzeit. So rein und unberührt von außen wie damals, da er noch ein Hüaterbübl gewesen war und mit der kleinen Notburg gespielt hatte.
Und daß damals nach dem großen Brande das neue Hotel nicht mehr an der alten Stelle errichtet wurde, das geschah auf Betreiben des Kramer Veit. Veit Galler war angesehen, und sein Wort hatte Geltung in der Gemeinde. Und Veit Galler, der Krämer, sagte, daß jener Platz da droben nur Unglück gebracht habe, und daß man ihn von nun ab geheiligt halten müsse ...