Draußen im Haupttal brannten an den Hängen der Berge schon die ersten Karsamstagsfeuer. Im Dörfl drunten blitzte vereinzelt ein Licht auf. Im dämmrigen Grau lagen die engen, schluchtartigen Täler, und nur die Umrisse der gigantischen Bergriesen, zu deren Füßen sie sich hindehnten, waren noch deutlich zu erkennen.

Veit Galler aber wußte, daß man am hellen Tage von hier oben in eine wunderbare Welt der Alpen schauen konnte. Kulissenartig schob sich da Berg an Berg und Wald an Wald, baute sich empor bis zu den kahlen Felsen und Schrofen, über welche die Spitzen der mit ewigem Eis bedeckten Ferner ragten.

Vereinzelt standen kleine Hütten in den Tälern und sahen aus wie winzige Spielzeuge, schier erdrückt von den gewaltigen Bergriesen.

In sehnsuchtsvollen Stunden, in denen das Heimweh mit voller Macht den Krämer oft befiel, hatte er immer nur dieses eine Bild vor Augen gehabt, das er jetzt in hereinbrechender Abenddämmerung zum ersten Male wiederschaute. Das war der Blick von dieser Anhöhe aus, hinein in die drei Hochtäler mit ihren wildschäumenden Bächen, ihren dunkeln Wäldern und ihren hohen Bergriesen. Dieser Blick verkörperte seine Heimat und blieb sein Sehnen in all den langen Jahren, da er in der Fremde weilte.

Veit Galler vergaß die späte Stunde und vergaß, wie nahe er dem Heime war, in dem sein Weib einsam hauste und wohl auch seiner harrte.

Und sein Herz hämmerte stärker, und seine Füße wurden ihm schwer. Es war, als ob ihn, da er nun so nahe am Ziel war, die Kräfte verlassen wollten und eine große Müdigkeit ihn zusammenbrechen ließe.

Das überkam ihn so jäh und gewaltsam, daß der starke Mann, ohne auf den schneeigen Boden zu achten, sich wie gebrochen niederließ und schwer den Kopf auf die Arme stützte.

In dieser einsamen Stunde, da er sich seinem Weibe und seinem Heim so nahe wußte, flammte die Erinnerung an sein vergangenes Leben übermächtig in ihm auf.

Die Wanderlust hatte den Kramer Veit schon als ganz jungen Burschen aus der Heimat getrieben. Es gärte in dem jungen Blut und drängte nach Taten. Die Welt wollte er kennen lernen, wollte sehen, wie es draußen aussah im Land, in den Dörfern der großen Täler und in den Städten, von denen er erzählen gehört hatte.

Zu jener Zeit, in der diese Begebenheiten spielen, gab es noch keine Eisenbahnen, und wer Lust zum Reisen verspürte, mußte entweder wandern oder sich der Postkutsche anvertrauen. Kein Wunder also, daß die Leute von damals seßhafter waren wie heutzutage, und daß einer, dem's in der Heimat zu enge wurde, unangenehm auffiel.