Die Ziegen des Dörfels wurden dem Veit in der schönen Jahreszeit zum Hüten anvertraut. Mit ungefähr zwanzig Ziegen zog der Bub frühmorgens aus dem Dörfl, hinauf aufs Joch, dort, wo es die würzigen Alpenkräuter gab. Und abends kehrte er dann mit seinen Schützlingen wieder zurück.

Wenn die Notburg die Schellen der Ziegen nur von ferne hörte, dann lief sie, flink wie ein Reh, dem Veit entgegen, um sich ihre Ziegen bei ihm abzuholen. Dann spielten die beiden Kinder immer erst eine Weile zusammen und erzählten sich wohl auch die kleinen Erlebnisse des Tages.

Als der Metzger den Veit als Lehrling mit sich fortnahm, da weinte das kleine Mädel und wollte auch gar keine rechte Liebe mehr für die zwei Ziegen aufbringen. Sie mochte auch gar nicht mehr zu der Anhöhe hinaufgehen, wo sie so oft mit dem Veit gesessen war und in die Täler hinabgesehen hatte. Es gefiel ihr nicht mehr da droben, und sie blieb lieber im Dörfl herunten und machte sich in der Hütte zu schaffen.

Der Veit aber hatte die einstige Spielgefährtin nicht vergessen, und obwohl der Weg zu ihr nun stundenweit war, so machte er ihn doch, so oft er nur konnte.

Und es war immer das gleiche mit den beiden. Obschon oft Monate dazwischen lagen, bis sie sich wiedersahen, so waren sie sich doch niemals fremd geworden. Plauderten wie einst als Kinder und vertrauten einander ihre Zukunftspläne, ihre Wünsche und ihre Sorgen an.

So war aus der Kinderfreundschaft eine regelrechte Jugendliebe geworden. Bis dann die Unruhe über den Burschen gekommen war und er in der weiten Welt allein herumzuwandern anfing.

Da sorgte sich die Notburg sehr um ihn und zweifelte, ob er wohl je zu ihr kommen und sie, wie er gesagt hatte, als sein Weib heimführen würde.

Ein prächtiges, dralles Bauernmädel war die Notburg geworden. Groß und üppig gewachsen, die dicken, aschblonden Zöpfe um den Kopf gewunden, und mit einem braungebrannten, bildhübschen Gesicht. Nur die Augen wollten nicht recht hineinpassen in das frische Bauerngesicht. Die waren hell und schauten ernst und lachten selten.

Die Notburg war Näherin geworden wie ihre Mutter und ging mit ihr Tag für Tag zu den Bauern auf die Stöhre.

Bald nähten sie im Dörfl und bald auf den einsamen Berghöfen der Nachbardörfer. Man hatte sie überall gerne, und wenn die Notburg nicht gar so abweisend gewesen wäre, dann hätte sie schon öfters Bäuerin auf einem Berghof werden können.