So aber kam es, wie es die Notburg in bangen Stunden vorausgeahnt hatte. Eines Tages war der Veit vor sein Weib hingetreten, hatte ihr die Hand gereicht und mit scheuem Blick zu Boden geschaut.
»Notburg ...« fing er dann zu reden an, und der Klang seiner sonst lauten, polternden Stimme war ungewöhnlich weich und innig. »Nimm mir's nit verübel ...« sagte er stockend und im abbittenden Ton. »I kann nit anders. I muß fort von da. Von Tag zu Tag hab i's immer mehr eing'sehen. I pass' nimmer einer da zu enk. Es ist mir alles viel zu eng umadum ... so eng ... daß i oft mein', i muß dersticken. Lang hab' i ang'kämpft dagegen ... Notburg ...« fuhr er leise redend fort. »Kannst mir's glauben oder nit. Weil i dir's nit hab' antun wollen. Aber jetzt halt' i's nimmer aus, Notburg. I muß fort.«
Käseweiß im Gesicht war das junge Weib dagestanden, mit hochklopfendem Herzen und schmalen Lippen. Die preßte sie fest zusammen; denn sonst hätte sie bei der Rede des Mannes vor Schmerz laut aufgeschrien.
Da sie ihm keine Antwort gab, glaubte der Veit, daß die Notburg es auf ihre ruhige Art hinnähme und sich gleichmütig damit abfinde. Er faßte Mut und schaute in das todblasse Frauengesicht.
»Nimm's nit hart, Notburg!« bat er weich und versuchte ihr die eiskalte Hand zu streicheln. »Nimm's nit hart. Schau ... i kimm ja bald wieder zu dir zurück. Im Langes bin i wieder da und bleib' bei dir bis zum Winter. Schau ... grad' der Winter, wenn nit wär'. Der bringt mi um da bei uns herin. Tag für Tag 's gleiche. Koan Abwechslung und koan Mensch außer dir, mit dem man a vernünftig's Wörtl dischkurieren könnt'. Und koa richtige Beschäftigung aa nit. Schau, Notburg, das ist völlig 's Härtigste für mich. I bin jung und stark, und i muß arbeiten. I muß was sehen und derleben, sonst komm' i um. I will arbeiten für dich, Notburg! Reich sollst sein, wie weit umadum koa zweite mehr, und a gut's Leben sollst haben. Aber laß mi jetzt fort von da und mach' mir's nit hart!« — — —
Der einsame Mann, der da im Schnee saß und schwer den Kopf in seine Hände stützte und in der Dunkelheit der hereinbrechenden Nacht über sein Leben nachdachte, erinnerte sich deutlich an jene erste Abschiedsstunde. Sie war ihm hart geworden, so hart, wie nichts mehr seither.
Wohl war die Notburg tapfer geblieben und hatte mit keinem Wort verraten, wie tief er sie getroffen hatte. Ein Stück des Weges hatte sie ihn noch begleitet und ihm dann die Hand zum Abschied gereicht.
Es war, als ob der Veit Eis gehalten hätte, so kalt und leblos lag die Hand der Notburg in der seinen. Und noch viele Wochen hindurch verfolgte ihn der wehe Blick aus den hellen Augen seines Weibes.
In jener ersten Nacht, in der die Notburg mutterseelenallein in ihrem Häusl zurückgeblieben war, schrie das Weib wie ein todwundes Tier. Sie preßte den Mund in das Kopfkissen, um die wilden Schreie ihrer Not zu dämpfen. Niemand sollte hören, wie sie litt, und kein Mensch sollte ahnen, wie es innerlich um sie stand.
Ein scharfer Zug um die Winkel ihres Mundes prägte sich seit jener Nacht in dem hübschen Gesicht ein. Er machte sie um Jahre älter und ließ sie bitter und vergrämt erscheinen. Aber äußerlich blieb sie dieselbe, die sie vordem war. Aufrecht und stark, nur wortkarg und so stolz, daß den Leuten die neugierigen Fragen nach dem Veit im Munde stecken blieben.