Die Mena war auf den Steinstufen der kleinen Dorfkirche gekniet und hatte den Kopf fest an die Kirchentüre gedrückt. Das Gesicht geschwollen und die Augen entzunden von vielem Weinen. Und alle Leute, die da in die Kirche gingen, mußten an dem gebrandmarkten Mädel vorbeigehen und sie in ihrer Schande sehen.
Die Burschen schlichen, so schnell sie konnten, an ihr vorbei und zogen die Köpfe ein. Die Kinder blieben neugierig bei ihr stehen, bis ältere Leute sie mit barschen Worten gehen hießen.
Die Bäuerinnen und älteren Weiber rafften die Röcke, um nicht anzustreifen an der Ausgestoßenen. Die Männer taten, als sähen sie das schluchzende Mädel nicht, und die Altersgenossinnen der Mena machten schadenfrohe Gesichter oder gaben harte Reden.
Da war nicht einer, der ein gutes Wort für die Gefallene gehabt hätte, nicht einer, der sich an Christi Wort von der Sünderin erinnert hätte. Jeder von ihnen wäre sofort bereit gewesen, den ersten Stein zu heben und ihn auf die arme Sünderin zu schleudern.
Und doch, was hatte die Mena anders verbrochen, als daß sie einen Burschen lieb gehabt hatte, der sie, weil sie beide arm waren, nicht heiraten konnte.
Freilich, der Schande hatte er sie dann allein preisgegeben. War davongezogen, hinaus ins Tal, und hatte sich dort auf einem der Berghöfe als Knecht verdingt.
Die Mena aber hatte das ganze Leid allein tragen müssen. Gleich einer mit der Pest Behafteten war man dem Mädel ausgewichen, seit ihre Schande offenkundig geworden war. An den Sonntagen mußte sie allein den Kirchgang antreten und sich dann scheu in einem dunklen Winkel der Kirche verstecken. Jung und Alt höhnte sie laut und wies mit Fingern nach ihr. Die Bäuerin, bei der sie diente, war hart und ohne Mitleid bis zu ihrer schweren Stunde.
Alles hatte die Mena ertragen, geduldig und ohne zu murren. Sie wußte ja, daß sie sich der schwersten Sünde schuldig gemacht hatte und nun ehrlos geworden war. Aber das Allerhärteste, das war doch die öffentliche Schaustellung mit dem Strohkranz.
Das Regele war damals noch ein Kind gewesen, und neben der Scheu und der Aufregung über das außergewöhnliche Ereignis hatte sie doch ein inniges Mitleid mit dem gebrandmarkten Mädel. Sie getraute sich's nur nicht merken zu lassen. Aber während der ganzen Messe konnte sie kein Vaterunser beten und mußte nur immer an das laut und krampfhaft schluchzende Mädel draußen vor der Kirchentüre denken.
Die Mena hatte diese öffentliche Schande auch nicht überleben können. Ein paar Tage noch war sie in dem Bauernhof, in dem sie diente, scheu herumgeschlichen, hatte nichts gegessen und nichts gearbeitet und nichts geredet. Bis dann der Bauer mit harten Worten sie an die Arbeit gehen hieß.