Eine breite, brutal hohe Stirne bildete den Abschluß des großen, dicken Kopfes. Das Gesicht war schwammig, braun und aufgedunsen, und die dunklen, etwas hervorquellenden Augen hatten einen harten, energischen Ausdruck.
Von festem, unbeugsamem Willen zeugte auch das kurze, massige Kinn und der breite Mund, dessen auffallend wulstige Lippen nur spärlich durch einen dunklen Schnurrbart bedeckt wurden. In das schüttere Haupthaar hatte sich schon stark die graue Farbe gemengt. Wie der Mann jetzt entblößten Hauptes dastand, konnte man deutlich gewahr werden, daß er wohl schon über ein halbes Jahrhundert gesehen haben mochte.
Eine geraume Weile hindurch lauschte er reglos der feierlichen Sprache des Waldes; dann aber entriß er sich gewaltsam dem Zauber, der ihn gebannt hielt.
Immer mehr gewann die Sonne jetzt an Macht und leuchtete sieghaft und strahlend über das Tal, vergoldete die schneeigen Spitzen der Berge und zauberte glitzernde Tropfen von den Ästen der Bäume.
Die dunklen Fichten schüttelten unwillig die Schneelast von sich und neigten dann ihre Wipfel freundlich einander zu, als erzählten sie sich die Märe, daß zu ihren Füßen ein Mann ging, der ihnen wohl bekannt war, den sie aber lange nicht mehr gesehen hatten.
Und lange war es auch her, seit Veit Galler diesen Weg zum letzten Male geschritten war. Völlig noch jung war er damals gewesen und jung und ungebrochen das Weib, das ihm zur Seite ging.
Wie der Veit so dastand inmitten der feierlichen Schönheit der Natur, überkam ihn ein wehmütiges Erinnern an vergangene Tage, und ein ungewöhnlich weicher Ausdruck milderte die Härte seiner Augen. Nur ganz kurz und flüchtig. Dann setzte der Mann mit fester Hand den breiten Filzhut auf den mächtigen Kopf und stieß wuchtig und hart die Spitze des kurzen Stockes auf den steinigen Boden des Waldes. Der knirschende Laut der eisernen Spitze des Stockes bewirkte, daß ein paar Krähen in der Nähe aufgescheucht wurden und mißtönig kreischend davonflogen.
Vom Tal herauf, dort, wo der Wiesenpfad aufhörte und in den steinigen Waldweg überging, erklangen im gleichmäßigen Abstand jugendlich elastische Schritte. Ein helles Lied ertönte zweistimmig aus jungen Männerkehlen.
Veit Galler hatte den Rand des Waldes erreicht. Ein kleines Wiesental, eingeengt von Bergen, breitete sich in sanftem Anstieg vor ihm aus.
Sein Blick schweifte über das Tal, aus dem er soeben gekommen war. Da lag, dem Norden zu, ein stattlich behäbiges Dorf.