Fröstelnd hüllte sich das junge Mädchen in ihr warmes Tuch und starrte mit großen, ängstlichen Augen in die Tiefe.

Wenn sie nur den Mut aufbrächte, jetzt über den Steg zu springen. Das Geländer der Brücke war ja so nieder! Obwohl das Regele klein war, so reicht das Geländer doch kaum bis zur Hälfte ihres Körpers herauf. Sie brauchte sich also nur ein ganz klein wenig nach vorne zu beugen ... dann verlor sie das Gleichgewicht. Nur ein ganz ... ganz klein wenig, und es war geschehen.

Das Regele beugte sich weit nach vorne, hielt sich aber gleichzeitig ängstlich und krampfhaft mit beiden Händen an dem morschen Holze fest.

Der Steg ächzte und schaukelte in schwingender Bewegung, und unten spiegelte sich das Mondlicht in dem dunklen Wasser. Dem Regele war es, als sähe sie aus dem brausenden Gischt ein todblasses Mädchengesicht auftauchen. Das zwinkerte mit den Augen und winkte ihr zu.

Jetzt, wenn sie die Hände losließ und sich weiter nach vorne beugte ... Ein Ruck nur, und alles ... alles wäre vorbei.

Und dann?

Daß sie immer wieder sich dieselbe Frage stellen mußte, was dann wohl kommen würde. Sie mußte die Sache zu Ende denken, ob sie wollte oder nicht.

Alles, was sie in der Schule gelernt hatte, vom Himmel und von der Hölle, von der ewigen Verdammnis und endlosen Pein, vom Teufel und von Verfolgung und Qual, alles fiel ihr in dieser Stunde ein.

Wenn sie jetzt da hinuntersprang, dann würde ihr junger Leib an den Felsen aufprallen und zerschellen. Das Leben war dann zu Ende und war doch so schön gewesen. Trotz allem, es war schön, und sie lebte gern.

Sie fürchtete sich jetzt nur vor den Folgen ihres Leichtsinns, aber sie wollte nicht sterben. Sie hing an dem Leben mit allen Fasern ihres Herzens. Das fühlte sie jetzt erst so richtig, wie sie mit entsetzten Augen in die Tiefe starrte.