Daß das Leben einen Fehltritt so hart bestrafen mußte! Ob es denn wirklich vor Gott eine so schwere Sünde war, wenn sich zwei junge Menschenkinder in Liebe zueinander fanden?
Immer wieder stellte sich das Mädel die gleiche Frage und konnte keine Antwort darauf finden. Sie schritt nur immer vorwärts, ganz langsam und bedächtig, als machte sie einen Spaziergang zu ihrem Vergnügen. Vorwärts ... immer vorwärts, und wußte nicht wohin.
Zu fast mitternächtiger Stunde kam das Regele an dem Haus des Kramer Veit vorüber. Durch die Ritzen der geschlossenen Fensterläden sah sie zu ebener Erde Licht schimmern.
Wenn sie da anklopfte? Die Notburg würde aufmachen und sich vielleicht verwundert nach ihrem Begehr erkundigen. Das Regele sah im Geiste das gleichgültige Gesicht und die kalten Augen der Frau, und sie fühlte es deutlich, daß sie der Notburg nicht würde beichten können und auch nicht dem fremden Manne, der heute heimgekehrt war aus der fernen Welt. Was würden die beiden wohl verstehen von der Not des kleinen, leichtsinnigen Mädels?
Sie mußte schon weiter wandern, das Regele. Hinaus aus dem Dörfl und die Bergstraße hinunter ins Haupttal.
Es war auch gar nichts dabei, in der mondhellen Nacht durchs Tal zu wandern. So still war's ringsum und so schön. Und je länger sie ging, desto wärmer wurde ihr, und auch die innere Kälte, die sie frösteln gemacht hatte, wich von ihr. Allmählich überkam sie eine ruhige Zuversicht.
Weit, weit fort wollte das Regele ziehen, dorthin, wo kein Mensch sie kannte. So wie sie war, ohne Geld und ohne Lebensmittel. Wenn sie auch hungerte. Macht nichts. Das hielt sie schon aus. Nur fort von der Heimat und der drohenden Schande!
In der Fremde, da würden gewiß gute Menschen sein, die sich ihrer erbarmten. Und voll Vertrauen auf die Güte unbekannter Leute schritt das Mädchen mutig fürbaß.
Als das Regele in das Haupttal kam, hinaus in das große Dorf mit den stattlichen weißen Häusern und der grünen Kirchturmspitze, das sie von ihrer Heimat aus täglich in der Ferne liegen sah und in dem sie noch nie gewesen war, da krähte gerade ein Hahn, und ein Nachbarhahn antwortete ihm in langgezogenen, aufgeregten Tönen. Das Regele aber wußte, daß es jetzt die dritte Morgenstunde war und daß sie noch weit gehen mußte, bis der neue Tag zu grauen anfing.
Mechanisch und gleichmäßig ausschreitend durchwanderte das Mädel das Tal. Alles wär ihr hier fremd und unbekannt, und die Berge, die sich dunkel und hoch am nächtlichen Himmel aufbauten, waren ihr neu.