Sie ging durch Dörfer und Weiler, hörte das Bellen eines wachsamen Hundes und hörte wie im Traume das Klingen der Kirchenglocken im Morgendämmer.
Viele ... viele Stunden ging sie, ohne zu rasten. Sie fühlte keinen Hunger und keine Müdigkeit. Hatte nur immer das eine Ziel: Fort! Fort von der Heimat, so weit als möglich.
Die Sonne war mit Pracht aufgegangen und hatte neues Leben in der Natur erweckt. Leute, die im festlichen Gewand zur Kirche gingen, starrten verwundert auf das fremde Mädchen. Das Regele grüßte kurz und schritt rüstig weiter.
Sich nur nicht verhalten im Tal! Leicht konnte man sie daheim schon vermissen und ihr jemand nachschicken.
Unwillkürlich mußte das Regele über diese Vorstellung lächeln. Kein Mensch von daheim würde sie jetzt mehr erreichen können, selbst wenn sie gewußt hätten, wohin sie gegangen war.
Was die wohl sagen würden daheim? Ob sie die Ursache ihres Verschwindens errieten und ob sie glaubten, daß sie der toten Mena gefolgt war?
Und der Florl? Wenn das Regele an den Florl dachte, dann schoß es ihr heiß in die Augen. Sie hatte ihn doch recht ... recht lieb, ihren Buben, obwohl sie in der letzten Zeit garstig zu ihm gewesen war und ihm kaum mehr ein gutes Wort vergönnt hatte. Mit Vorwürfen hatte sie ihn überhäuft und ihm alle Schuld allein beigemessen. Der Florl war immer gleich gut und zart geblieben, hatte sich mit keinem Wort verteidigt und hatte ihr nur tief in die Augen geschaut.
Ob sie ihn wohl je wiedersehen würde, ihren Florl? Und ob sie wohl jemals wieder in die Heimat zurückkehren würde?
Je höher die Sonne am Himmel stand, desto fremder und verlassener kam sich das Mädel vor. In der Dunkelheit der Nacht war sie tapfer und mutig gewesen. Nun wurde sie mit jedem Schritt, den sie tat, immer kleinmütiger und verzagter. Sie fing an, sich vor den Menschen, die ihr begegneten, zu fürchten, und wich scheu vor ihnen aus. Rannte, ohne auf die Müdigkeit, die sich nun bei ihr einstellte, zu achten, von der Straße fort, querfeldein, und schlich gleich einer Diebin den Waldsaum entlang.
Die Zeit dehnte sich, und der Weg wurde dem Mädel immer beschwerlicher. Allmählich aber neigte sich auch dieser Tag dem Abend zu. Die Glieder des Mädchens wurden schwer, und arger Hunger quälte sie.