Das Regele aber fand nicht den Mut, bei einem der zahlreichen Bauernhöfe anzuklopfen und um Obdach oder Essen zu bitten. Wie eine Bettlerin wäre sie sich vorgekommen, und die Menschen, von denen sie Güte und Barmherzigkeit erhofft hatte, erschienen ihr jetzt hart und grausam.
Ein schönes, weites Tal breitete sich am Ausgang ihres Heimatstales vor ihren Augen. Ein mächtiger, kahler Berg stand blockartig da. Rötliche Felsen, von dem Schein der sinkenden Sonne noch röter gefärbt, erhoben sich drohend über dem Tal. Ein breiter Fluß durchzog in ruhigem Lauf das Tal und nahm den grünen Waldbach ihrer Heimat sanft kosend in sich auf.
Eine tiefe Sehnsucht nach der Enge ihrer Hochtalheimat überkam das einsame Mädchen. Es gefiel ihr nicht hier draußen. Der kahle Berg, an dem weder Höfe noch Felder und Bäume standen, erschien ihr häßlich, und sie fürchtete sich beinahe vor ihm. Ausgestoßen und von aller Welt verlassen fühlte sie sich hier. Und war müde und so hungrig.
Am Rand eines Waldes, abseits von Weg und Häusern, setzte sich das Regele nieder, barg das dunkle Köpfchen in ihr Tuch und weinte. Sie wagte sich jetzt auch gar nicht mehr fort von da. Wollte hier ausruhen und im Freien nächtigen.
Zwei junge Mädchen, die vorübergingen, blieben stehen und sprachen das Regele an. Wer sie sei und woher sie komme? Das Regele schaute verwundert zu ihnen auf. Die beiden Mädeln mochten um einige Jahre älter sein wie sie selber und sprachen in einer Mundart, die ihr fremd und schwer verständlich war.
Schöne Kleider trugen sie, prächtige Hüte mit breiten Krempen, goldenen Quasten an der Seite und goldener Stickerei an der Innenseite. Und schwarze Seidenbänder hingen bis fast zum Rocksaum herunter. Noch nie hatte das Regele eine so kostbare Tracht gesehen; denn jene ihrer engern Heimat war weit schlichter.
Die hellen Seidenschürzen und das schwarze Sammetmieder, die silbernen Kettenschnüre um den Hals mit der großen steinbesetzten Schließe, das alles gefiel dem Regele so ausnehmend gut, daß sie, obwohl sie mühsam verstand, was die Mädeln zu ihr sagten, doch gleich Zutrauen zu ihnen faßte.
Allmählich verständigten sich die drei; denn auch den beiden Mädchen war die langgezogene, singende Sprache des Regele ungeläufig. Aber sie fanden doch heraus, daß das Regele von weit her gekommen war, müde und hungrig sei und kein Obdach für die Nacht habe.
»Wohin willst nachher?« erkundigte sich die eine von ihnen mit leichtem Mißtrauen und musterte das Regele eingehend vom Kopf bis zu den Füßen.
»An Dienst suchen.«