»In Innsbruck oder in Schwaz?« fragte die andere.

Das Regele hatte bis jetzt überhaupt nicht daran gedacht, wohin sie gehen würde. Sie fragte daher, um einer direkten Antwort auszuweichen, etwas verlegen zurück: »Wie weit ist's nachher noch hin?«

»Auf Schwaz, meinst?«

»Ja!« antwortete das Regele aufs Geratewohl.

»Heut' kommst amal nimmer hin!« erklärte ihr das eine der Mädeln resolut. »Heut' bist überhaupt zu müd' dazu. Kannst mit uns geh'n, wenn d' willst. Wir haben schon a Platzl für dich über Nacht. Und a warm's Essen kriagst aa. Brauchst nit zu rearen deswegen!« setzte sie tröstend hinzu, da sie sah, daß dem Regele schon wieder die hellen Tränen in die Augen schossen.

Ein Obdach für die Nacht und ein warmes Essen hatte sie also. War aber doch heilsfroh, das Mädel, als sie am nächsten Morgen wieder ihren Weg fortsetzen konnte. Sie sah das Mißtrauen in den forschenden Blicken der Leute und fürchtete ihre neugierigen Fragen. Und immer wieder mußte sie lügen und neue Ausflüchte ersinnen. Durfte ja nicht sagen, daß sie das Regele war vom Söllerbauer und von daheim fortgelaufen war.

Eine warme Milchsuppe zum Frühstück hatten sie ihr auch noch gegeben im Bauernhof. Waren gute Menschen, aber es gefiel ihnen nicht, daß das Regele allen Fragen nach ihrer Herkunft hartnäckig auswich.

Eines wußte nun das Regele. Daß sie sich im Unterinntal befand und daß sie nur mehr etliche Wegstunden bis nach Schwaz zu gehen brauchte.

Das mußte eine große, ansehnliche Ortschaft sein! Die Leute sprachen davon mit Stolz, und das Regele bekam völlig Angst vor den vielen Häusern, die es dort geben sollte.

Es war Ostermontag und ein Feiertag. Das Regele hatte tags zuvor mit keinem Gedanken daran gedacht, daß Ostertag war. Wohl sah sie die sonntäglich gekleideten Menschen zur Kirche gehen und hörte das feierliche Läuten der Glocken. Aber sie achtete nicht darauf, war viel zu beschäftigt mit ihren eigenen Gedanken und ihrem Unglück.