Jetzt, da sie ausgeruht und neu gestärkt war, da war sie auch wieder zuversichtlicher geworden. Nun sah sie den stattlichen Ort vor sich liegen. Sacht ansteigend lehnte er sich hingebreitet zu Füßen eines Berges.

Eine große Kirche mit grünlich schillerndem Kupferdach erhob sich aus dem Gewirr großer und kleiner Häuser. Und noch ein paar andere Kirchen gab es da, Kirchen mit spitzen Türmen, wie sie in ihrem Heimatstal zu sehen waren. Und Häuser standen da in engen Gassen und in Straßen und Häuser inmitten blühender Gärten.

Die Häuser in den Straßen erschienen ihr hoch, und die Enge der Gassen bedrückte sie so, daß sie kaum atmen konnte. Ratlos stand das Mädel auf dem Hauptplatz des Ortes und wußte nicht, was anfangen.

Wie am Tage zuvor gingen auch hier festlich geschmückte Menschen an ihr vorbei und der Kirche zu. Die war grau und mächtig und sah düster und vornehm aus. Und die Glocken des Turmes läuteten langsam, feierlich und dumpf.

Die Menschen hier hatten es eiliger wie draußen am Land. Waren mehr beschäftigt mit sich und schauten weniger verwundert auf das fremde Mädel in seinem ärmlichen Aufzug.

Das Regele hatte noch niemals so viele Menschen gesehen und drückte sich beklommen und scheu in eine der stillen Seitengassen in der Nähe der Kirche. Sie wartete, bis die Glocken verstummt waren und die Straße, die zur Kirche führte, leer geworden war. Dann schlich sie aus dem dämmrigen Gäßchen hervor und ging zur Kirche. Vorsichtig und unbeholfen setzte sie Schritt für Schritt, denn sie schämte sich, daß ihre grobgenagelten Bergstiefel auf dem Pflaster der stillen Straße mißtönigen Lärm verursachten.

Ein mächtiger, altehrwürdiger und düsterer Bau war diese Kirche. Und war gesteckt voll Menschen. Lange Zeit konnte das Regele überhaupt nichts ausnehmen in dem Dämmer des hohen Gewölbes und hörte nur, daß ein Priester von der Kanzel herab predigte. Wie aus weiter Ferne hallten die Worte an ihr Ohr, Worte, deren Sinn sie nicht verstand.

Am Hochaltar brannten dicke Wachskerzen auf hohen Leuchtern. Und mächtig durchbrauste die Orgel den heiligen Raum. Ein prunkvolles Hochamt wurde abgehalten, mit Priestern in kostbar gestickten Gewändern und mit Ministrantenbuben, die große silberne Rauchfässer schwangen.

Der Duft des Weihrauchs war stark und dem Mädchen ungewohnt, so daß sie eine leichte Übelkeit befiel. Ein altes Weiblein, das betend in ihrer Nähe stand, nahm sie bei der Hand und führte sie vor die Kirchentüre in die frische, laue Frühlingsluft.

»Bist wohl fremd da, Madel, gelt?« frug sie das Regele teilnehmend und sah ihr forschend in das blasse, müde Gesicht. Das Regele nickte stumm, konnte aber kein Wort hervorbringen.