Es war schön da oben. Grüne Felder und Wiesen im Tal und blühende Bäume und schöne alte Gärten, vielfach von grauen Mauern abgeschlossen. Kein Schnee lag mehr im Tal, nur die Höhen der Berge bedeckte er noch, und warmer, milder Sonnenschein verschönte die altersgrauen Häuser des Ortes.
An der grauen Mauer eines Gartens hatte sich das Mädel niedergelassen und sah mit den Augen blinzelnd in den lachenden Sonnenschein. Hier blieb sie bis zum Abend. Kein Mensch störte sie hier, und kein Mensch sah sie.
Als es dämmerte, ballten sich schwere Wolkenmassen, und ein heftiger Wind, vom Oberland kommend, brachte Regenschauer.
Nun mußte das Regele sich doch um ein Obdach umsehen. Sie erhob sich schwerfällig, zog das warme Tuch über den Kopf und ging weiter. Aber so sehr sie sich auch vornahm, an einer der nächstgelegenen Türen anzuklopfen, fand sie doch nie den Mut dazu. Ihr Herz hämmerte heftig, und die Angst vor fremden, unbekannten Menschen steigerte sich fast von Minute zu Minute.
Nein. Sie brachte es nicht über sich, um Obdach zu betteln. Sie mußte schon aushalten in Regen und Kälte. Zitternd drückte sie sich an die Mauer eines kleinen Hauses, dessen vorspringendes Dach einigen Schutz gegen den Anprall des vom Wind gepeitschten Regens gewährte.
Vielleicht führte ihr doch der Zufall wieder einen mitleidigen Menschen in den Weg, der sich ihrer dann annehmen würde!
Und das Regele zog fröstelnd das Tuch enger an sich, preßte die Arme fest zusammen und horchte ängstlich auf Tritte, die vielleicht näher kommen würden. Aber Stunde um Stunde verrann, und kein Mensch kam an dem Häuschen vorbei, an dem das Regele zusammengekauert saß.
Wer wohl in dem Haus wohnen mochte? Wenn sie sich nun doch ein Herz faßte und an der Tür pochte? Man würde ihr auftun und sie ausfragen. Vielleicht hielt man sie auch für eine Diebin und jagte sie davon.
Der Regen, vom Wind getrieben, schlug ihr immer unerträglicher ins Gesicht. Das vorspringende Dach, das sie bis jetzt vor Nässe geschützt hatte, bot nun gegen Wind und Regen keinen Schutz mehr. So sehr sich das Regele auch an die Mauer drückte, sie wurde doch immer nässer. Die Zähne klapperten vor Kälte, und die Füße und Hände wurden ihr steif.
Da fiel es dem Regele ein, daß unten bei der großen Kirche, in der sie heute war, lange Arkadengänge um den Friedhof führten. Die würden ihr für den Rest der Nacht Schutz gegen die Unbill des Wetters gewähren.