Der Friedhof lag knapp neben der mächtigen alten Kirche, und das Regele hielt die Arkaden für kleine Kapellen. Sie wußte nicht, daß unter jedem dieser Bogengänge eine Grabgruft sich wölbte. Sie dachte auch in ihrer Sehnsucht nach einem Stückchen trockenen Bodens nicht an die Nähe der Gräber und freute sich nur auf den Schutz gegen Regen und Sturm, den sie nun finden sollte.

Knapp hinter der Kirche führte eine niedere Pforte über etliche Steinstufen in den Gottesacker. Einen Augenblick zögerte das Mädchen, weiterzugehen. Es schauerte sie, als sie ringsum Gräber sah. Die weißen Marmorsteine leuchteten in der Dunkelheit. Gespenstisch quiekten morsche Holzkreuze in dem Sturmwind.

Ängstlich und behutsam ging das Regele durch die Arkaden und spähte im Finstern nach einem Platz, der ihr den Ausblick auf den Friedhof etwas verdeckte.

Gräber, überall Gräber. Sie gewöhnte sich schon allmählich an den Anblick. Fühlte gar keine Angst mehr und ging weiter. Suchte nach einem Ruheplatz für die Nacht in dem Arkadengang.

Hier und da leuchtete ein kleines Öllicht in einer Mauernische. Das Flackern der kleinen Flamme im Windzug war unheimlich und gespenstisch.

Wenn sie doch nicht hierher gekommen wäre! Jetzt beim Scheine eines heller flammenden Öllichtes sah sie es erst, daß auch die Arkaden Gräber waren. Sie sah hinab in eine dunkle Gruft, die mit einem Gitter zugedeckt war. Nun fing sie zu laufen an, wollte fort von hier, hinaus ins Freie, und wußte in ihrer Aufregung nicht mehr, welchen Weg sie gekommen war.

Durch den Lärm ihrer eigenen Schritte erschreckt, hielt sie inne und lauschte. Es kam ihr vor, als hörte sie gedämpft stöhnende Laute in ihrer Nähe. Vom Turm der nahen Kirche schlug die Glocke. Ob wohl am Ende doch eine Kirchentüre offen geblieben war?

Behutsam schlich das Regele jetzt den dunklen Säulengang entlang. Endlos kam ihr dieser vor, und weit entfernt erschien ihr auf einmal die Kirche, die am Ende des Friedhofs stand. Es war ihr, als erweiterte sich das Feld der Toten, und es erschien ihr nicht mehr still und lautlos, sondern es war, als regte sich's an allen Ecken und Enden. Bei jedem ächzend knarrenden Laut eines Grabkreuzes zuckte das Mädel in abergläubischer Angst zusammen und bekreuzigte sich. Kalter Schweiß stand ihr auf der Stirn, und sie faltete betend die Hände.

»Heilige Muttergottes, hilf mir! Nimm mich in deinen Schutz!«

Es war das erste Gebet, welches das Regele seit ihrer Flucht gesprochen hatte.