Der Stanis war schon ein guter Vierziger, war klein und mager und über und über im Gesicht und am Körper haarig wie ein Aff. Aber er hatte Muskeln, die so sehnig waren wie Stricke, und die lederfarbige Haut spannte sich straff über die groben, herausgearbeiteten Muskeln. Sein dunkles, schmales Gesicht war gefurcht und so hart wie aus Holz geschnitzt. Die kleinen schwarzen Augen hatten die Schärfe eines Adlers und zeugten von einem ungewöhnlich heftigen Temperament.
Dieses Temperament mußte ab und zu einmal zum Durchbruch kommen, und wenn es den Stanis besonders juckte, dann stieg er vom Alpl herunter ins Tal, ging ins Wirtshaus und soff sich einen tüchtigen Rausch an.
Ohne Rauferei lief die Sache dann niemals ab, und der kleine, sehnige Melcher blieb fast immer Sieger, auch wenn er seine Kraft mit den stärksten Burschen messen mußte.
So kam es, daß der Stanis weitum als Raufer gefürchtet war, und die Burschen am Alpl vermieden es für gewöhnlich, ihn aufzuziehen. Sie mochten ihn aber sonst gerne leiden, den Stanis; denn er konnte wie kein zweiter Witze erzählen und boshafte Bemerkungen über andere machen. Im Schuhplatteln war er allen über, sogar dem Florl und dem Wastl, und er entwickelte in diesem Tanz eine fast affenartige Behendigkeit.
Der Florl kam jetzt meist erst später zu den abendlichen Versammlungen vor der Almhütte der Perlmoserischen und blieb nie lange. Er wußte, daß es ohne kleine Anzüglichkeiten wegen seiner G'spusi mit dem Regele nicht abging. Das liebte der Bursch nicht sehr und vermied es daher, länger als nötig mit den andern zusammen zu sein.
»Könnt' mir einfallen, daß i mit auf Amerika ging'! Gang' mir grad' ab und a Loch im Kopf. Sischt nix!« sagte da die Perlmoser Vef, um die beginnende Plänkelei zwischen dem Stanis und dem Wastl abzulenken. Sie wußte, daß sich der Wastl schon einige Male eine blutige Nase vom Stanis geholt hatte. »I woaß mir eppas besser's!« fuhr sie fort und sah auf das halbe Dutzend Mannderleute, die um die Hütte herum lagerten. Teils hockten sie auf Steinern, teils standen sie auch an die Balkenwände der Hütte angelehnt. Nur mit Hose und Hemd waren sie bekleidet, und das Hemd hing lose wie eine Bluse, da es durch keinen Gurt oder Hosenträger eingeengt war. »Soll'n ja all's Heiden sein, dö Amerikaner!« fügte die Vef verächtlich hinzu.
»Ja ... und die Madeln tian sie als Sklaven verkaufen!« erzählte der Wastl wichtig. »Oaner hat's amal verzählt im Dorf draußen. Dersell' hatt's als ganz g'wiß wahr in an Buach g'lesen.«
Sie waren dem Florl und dem Regele gar nicht neidisch, die Leute vom Alpl heroben. Nur die Rosina vielleicht, die hatte eine unbestimmte, leise Neugierde. Sie hätte ganz gerne gewußt, wie es in dem fremden Lande eigentlich aussah, aber sie hütete sich, irgend etwas von dieser Neugierde verlauten zu lassen, aus Furcht, von den übrigen ausgelacht und verhöhnt zu werden.
Die Rosina war die mittlere der drei Perlmoser Mädeln und so grundverschieden von ihren beiden Schwestern, als ob sie gar nicht zu ihnen gehört hätte. Schon allein ihrem Äußern nach.
Groß und schlank gewachsen war sie und hatte die tiefbraune Farbe einer Zigeunerin. Weich und samtartig war der Teint ihres feinen, ovalen Gesichtes, das verschlossen und streng schaute. Tiefrote Wangen und ein brennroter kleiner Mund, über dessen vollen Lippen der matte Schatten eines Schnurrbärtchens sichtbar war. Die kräftigen, schwarzen Brauen stießen an der Nasenwurzel zusammen, und die dunklen, nicht sehr großen Augen schauten finster, leuchteten aber strahlend auf, wenn die Rosina, was selten genug geschah, einmal lachte. Die schwarzen Zöpfe waren viel zu schwer und massig für den feinen Kopf und drückten die niedere Stirn wie eine Dornenkrone.