Vor zwei Tagen erst war die Vef mit dem Burschen wieder recht abscheulich gewesen und hatte es erreicht, daß der Wastl innerlich recht niedergeschlagen und zerknirscht ihr auf Weg und Steg auswich. Jetzt aber, da es zum Fortgehen war, stand die Vef schon weit über eine Viertelstunde vor der Hütte und wartete auf den Wastl. Vielleicht würde er doch noch kommen, um ihr ein liebes Wörtl zu sagen.
Der Wastl hatte aber doch auch seinen Stolz und war trotzig und kam nicht. Heimlich beobachtete er sie aber mit gespannter Aufmerksamkeit. Stand auf dem Heuboden der Tenne, die hinter seiner Aste etwas erhöht gelegen war, und spähte durch eine Holzritze. Wandte kein Auge von ihr, und das Herz hämmerte und pochte und war ihm schwer.
Das Warten dauerte dem Mädel nun doch zu lang. Jetzt ging sie, langsam und bedächtig. Ohne Hut und ohne Kopftuch. Der dunkle, farblose Rock war hochgeschürzt, so daß man den grellroten Unterrock sah und die weiße Haut der bloßen Füße. Kräftig und voll setzte die Wade an, und beim Gehen wiegte sich die üppige Gestalt weich im elastischen Schwung.
Die Sonne sandte noch die letzten Strahlen auf die hellblonde Haarkrone des Mädchens und ließ sie im goldenen Glanze schimmern. Etwas wie Enttäuschung spiegelte sich in dem hübschen, rosigen Gesicht ab. Hatte sie den Wastl nun wirklich endgültig vertrieben? Das hatte er doch noch nie getan und wenn sie noch so garstig zu ihm gewesen war. Zum Abschied war er immer gekommen und hatte ihr treuherzig in die Augen geschaut.
Es lag etwas rührend Gutes in diesen Augen und erinnerte an den demütigen Ausdruck eines treuen Hundes. Gerade diese großen, dunklen Augen des Burschen, die so schwärmerisch schauen konnten, waren es, die der Vef so gut gefielen.
Die Vef mußte an der Aste des Wastl vorbeigehen, ehe sie zu dem Abstieg kam. Vielleicht steckte er doch da drin verborgen und kam dann zu ihr heraus.
Das Mädel mit dem leeren Rückenkorb ging nun, den einen Arm lässig in die Hüfte gestemmt, langsamen Schrittes an der Aste vorüber. Sprang, als sie zu dem sumpfigen Morast kam, der jede dieser Hütten schmückte, gewandt von Stein zu Stein, die spitz und nicht groß herumlagen und einen Fußweg darstellen sollten, auf dem man halbwegs trocken gehen konnte.
Geradeaus sah das Mädel, den blonden Kopf verächtlich erhoben und die vollen Lippen leicht zum Gesang geöffnet. Ein Liedchen summte sie vor sich hin und hatte keinen Blick für die Hütte, in der sie den Wastl vermutete.
Als die Vef schon ein ziemliches Stück zurückgelegt hatte, litt es den Wastl nicht länger in seinem Versteck. Behend wie eine Gemse kletterte er über die steile Leiter, die von außen angelehnt zum Heuboden führte und bei jedem Tritt, den er tat, ganz gefährlich wackelte. Von rückwärts kletterte er, sich mit den Händen an den Spreißeln haltend, und dann sprang er bloßfüßig und ohne Kopfbedeckung dem Mädel nach. In wenigen Minuten hatte er sie eingeholt und rief sie an.
Die Vef blieb stehen und tat verwundert. »Ah ... du bist's?« machte sie dann gleichgültig. »I hab' mir denkt, du bist mit'n Stanis auf Streb (Streu) aus?«