Als der Florl und das Regele zum erstenmal ihr Kind aufsuchten, hatten beide ein etwas beklommenes Gefühl. Etwas wie Scham und eine innere Verlegenheit war es, diesem Kinde gegenüberzutreten, das ihr eigen Fleisch und Blut war und dem sie bis jetzt so fremd und fast interesselos gegenübergestanden hatten.
Ohne elterliche Liebe und Fürsorge war es bisher aufgewachsen, und die Notburg hatte ihm Vater und Mutter ersetzen müssen, und wahrlich, die Frau hatte getreulich ihre Pflicht erfüllt.
Der kleine Anderl hatte nur eine große Liebe, und das war die zu seiner Pflegemutter. Und die Notburg hätte ein eigenes Kind nicht lieber haben können und nicht besser betreuen können, wie das fremde Kind vom Regele.
Sie pflegte und wartete den kleinen Anderl, hätschelte ihn und verwöhnte ihn auch, so daß sich die Nachbarsleute gar oft darüber aufhielten. Sie werde keinen Dank dafür ernten, die Notburg, meinten sie; und die Notburg erwiderte scharf, daß sie wegen des Dankes überhaupt nichts tue und daß die Leute vor ihren eigenen Türen kehren sollten, ehe sie sich in ihre Angelegenheiten mischten. Sie war noch immer die alte Notburg, nur etwas älter geworden und auch etwas milder in ihrem Wesen.
Ein schmächtiges, lang aufgeschossenes Kind war der kleine Anderl, der nun schon das erste Jahr zur Schule ging und recht fleißig lernte. So erzählte wenigstens die Notburg und lobte ihn sehr und konnte sein Talent und seinen Eifer nicht genug rühmen. Er war ein aufgeweckter, bildhübscher kleiner Kerl, der Anderl, der, wie es schien, das Mundwerk von der Mutter und die Frechheit vom Vater her geerbt hatte.
Seine Eltern betrachtete der Anderl keineswegs mit liebenswürdigen Augen. Zeigte überhaupt gar keine Freude über den elterlichen Besuch, so daß ihn die Notburg wiederholt strenge ermahnen mußte, doch freundlich zu sein und schön das Handerl zum Gruß zu geben.
»Jatz, Anderl, wer bin denn epper i?« frug der Florl und griff dem Kleinen unters Kinn. »Kennst mi nit, gelt?«
Der Anderl spreizte, wie er das vom Kramer Veit abgeguckt hatte, breitspurig die magern Beinchen, die in langen Hosenröhren staken, auseinander, verzog schmollend das Mäulchen und sah trotzig zu Boden.
»Hast koa Zung', Anderl?«
Der Anderl streckte unartig seine Zunge heraus, so weit er nur konnte, aber redete kein Wort.