Eines aber wuchs von neuem in ihm empor, seit die äußerste Not und mit ihr die Gleichgültigkeit gegen alle andern Erscheinungen dieses Lebens gestillt waren. Er sehnte sich nach Menschen. Und mehr noch; er konnte sich wieder dem Luxus der Vaterlandsliebe hingeben. Als der Hunger nicht mehr durch Mark und Bein nagte, da begann wieder die Angst: Was ist mit meinem Österreich? Vierzehn Tage waren seit der Kriegserklärung verflossen, und das Land hier ringsum blieb still und friedlich. Er horchte oft in die ferne Bergnacht hinaus, ob sie ihm nicht das Grollen eines Kanonengewitters zutragen wollte. Umsonst. Am Abend gurrten in unsäglichem Frieden die Hohltauben und die Ringeltauben in Felsen und Wäldern, die Wipfel rauschten sanft, und mit immer gleichem Lächeln sprach der Gott der Höhenfernen stets sein sanftes:
»Warum seid ihr mir in die Irre gegangen? Ihr würgt euch, und ich bleibe der Friede. Die Not in meinem Reiche ist kurz, auch wenn täglich der Falke unter die kleinen Vögel stößt; ihr aber habt euch an einem künstlichen Frieden Ekel gefressen, so daß der Völkerwahnsinn nun um so schauerlicher ausbricht! Wäret ihr bei mir geblieben, ihr würdet täglich das Glück eurer Seele haben, das da heißt: Gott anschauen.«
Es war fast unerträglich, dieser ewig gütige Friede! Was geschah dort hinter den Bergen? War Österreich einmarschiert, warum kam keine Unruhe unten in die Dörfer, die er fernehin in immer gleichem Frieden liegen sah? Die Transporte besorgte ja die Bahn, darum sah er keine Züge von Troß und Wagen. Aber die Menschen arbeiteten wie sonst; sie sahen klein aus wie suchende Sperlinge, dort auf den Feldern der Tiefe, und nichts schien sie zu vermögen, unruhige, gestörte Ameisen zu werden! Oder hatte Rußland eingegriffen? Tikosch wußte, daß der unersättliche Barbarenstaat des Ostens nur auf die Gelegenheit lauerte, Österreich zu überfallen, und der Gedanke, daß jetzt im Norden die Hunderttausende Österreichs gegen die Millionen Rußlands einen Kampf voll Verzweiflung und übermenschlicher Anstrengung rängen, trieb ihm die heiße Feuchte aus allen Poren.
Und er war hier gefangen! Sollte er, immer die Nächte durchwandernd, seinen Weg bis zur Save nordwärts suchen und ins Ungarland zurückschwimmen? Die Wunde war nahezu geheilt, eine kleine Steifheit im Kreuz, die übergeblieben war, konnte ihn nicht arg hindern. Aber dennoch hielt ihn ein Rest von Hoffnung und Trotz hier auf seinem Berge fest. Erst mußte er auf irgendeine Weise erfahren, wie es mit dem Kriege stand; und war Österreich in Bedrängnis, dann sprengte er den Serben ihre Eisenbahnbrücke ob Zajetschar auch ohne Flugzeug: und sollten sie ihn dafür in Stücke reißen!
Was lag an ihm, Geld hatte und wollte er keines, Glück war ihm nicht beschieden, und das einzige, was er von diesem Leben ersehnt hatte, ein wenig Frauenliebe, war ihm brennend mißraten! Dies verschmähte Mannesdasein, dem die Vergötterung fehlte, konnte nur durch eigene Achtung zu Inhalt kommen; sich selber wollte Tikosch Gabor anbeten lernen und sich sagen: »Du bist ein Held!« Von dieser Art waren bisher die einzigen Sensationen seines Lebens gewesen: waghalsige Ritte, von denen das ganze Komitat sprach, und nun sein toller Flug, der ihm mißlungen war, und dessen Ziel der Dickkopf nun erst recht nicht aus den Augen ließ. Alles, was sonst das Leben vertieft und schön, aber auch allzu begehrenswert macht, war von Tikosch bisher unbeachtet gelassen worden. Um Kunst kümmert sich der Ungar an sich schon wenig. Auch seine Natur, die Natur der Puszten, kennt nur eine eintönige, eine große, aber einzige Linie und beschäftigt weder die Augen noch die Phantasie ungewöhnlich. Man liebt sie und läßt sie sein, wie sie ist, oder erobert sie zu Pferde. Für die Städte und ihre Oberflächlichkeiten hatte der junge Offizier so wenig Sinn wie für ihre Tiefen. Über die Kabaretts und über die Theater lachte er mit derselben Verachtung. Gelehrsamkeit, Wissenschaft und Philosophie waren von ihm bisher mit den Worten abgetan worden: »Das Zeug ist alles nur für die langhaarigen Ehrenmänner am Kaffeehaustischel; sollen's damit glücklich sein und mich in Ruh' lassen.«
Jetzt aber, in der grandiosen Schweigsamkeit alles dessen, was um ihn lebte, ging ihm ein tiefes Unbehagen auf, wie hilflos er eigentlich wurde, wenn er in sich selber sank! Immer wieder mußte er, da alles sich von ihm abgewandt hatte, was ihn sonst unterhalten konnte, in die Tiefen seiner eigenen Brust hinuntersteigen. Er versuchte, sein ungeschultes Hirn zum Grübeln zu bringen, und fand alles leer. Oder vielmehr, er war des Denkens ungewohnt und hilflos wie ein Kind. »Wozu bin ich eigentlich gemacht: Ich, Tikosch Gabor? Und was war beabsichtigt, weil ich auf die Welt kam? Was hat mich bisher getrieben? Was habe ich Gutes getan und warum habe ich so viel Haß gehabt? Warum frag' ich mich jetzt drüber?« Solche Schürfungen nahm er nun in sich selber vor, und wenn er aus solchen Gedankennächten fruchtlos wieder an den Tag geriet, kam er sich vor wie ein verlegner Teckel, der zwecklos in einen leeren Fuchsbau eingefahren war. Einen kleinen, buckligen Kerl im Szegediner Offizierskaffeehaus hatte er immer ausgelacht, wenn der behauptete, die ganze Welt gehöre ihm. »Warum? Wie? Wo?« hatte Tikosch vergnügt geschrien, und der kleine Hascher hatte dann immer mit einem großen Stolze gesagt: »Ich bin ein Philosoph.« Ja, der arme Kerl hatte sich sogar zu der Behauptung verstiegen, nicht Kraft noch Kühnheit mache den Mann aus, denn dann sei jeder Gorilla besser als Tikosch, aber denken müsse man können; damit sei man ein Gott! »Denken; das ist der ganze Mann.«
»Weiß der Teufel,« sagte Tikosch jetzt öfter zu sich selber, »jetzt möcht' ich wirklich was von so einer Philosophie dahaben.« Und er dachte nicht ohne Neid an den kleinen Buckligen im Kaffeehaus zu Szegedin und auch an den blonden, schwäbischen Schullehrer, der die schöne Margit mit einer rührend tiefsinnigen Betrachtung über das Leben der Bienen, die er studiert hatte, als wären's Menschen, zuerst auf sich aufmerksam gemacht hatte. Da nun die Lebensumstände, in denen sich Tikosch jetzt befand, Dinge wichtig machten, an die er früher auch nicht den kleinsten Gedanken verwendet hatte, wie die Lebensweise der wilden Tauben und der Hasen, der wilden Hummeln, deren Honig er rauben lernte, und sogar der Mücken, aus deren Gehaben er das Werter hervorahnen lernte, so begann er eine Art richtiger Scheu für alles Wesen der Natur zu empfinden, und die ist ja der Anfang aller Religion. Sich als Teil empfinden, um sich als Einzelnes dafür um so inniger zu bilden, das ist die Schrift Gottes, die er uns gegeben, sie zu suchen, zu erkennen und zu befolgen.
Solche Erwägungen kamen ihm aber nur dann, wenn seine Sorgen und sein Hunger für die nächste Zeit gestillt waren, und er empfand diese Würdelosigkeit seines Wesens mit einigem Ärger. Denn all diese schönen Dinge, Heldentum, Vaterland und Philosophie, waren augenblicklich verschwunden, sobald die gemeine Notdurft in ihm rebellierte. Oft war ihm zum Beispiel die Sorge um sein Vaterland durchaus nicht sehr viel wichtiger, als wie er zu einem Happen Salz gelangen könnte. Denn die Gier nach Salz und auch die nach etwas Fett war in ihm mit tierischer Gewalt gewachsen und gewachsen, und wurde nun schon so groß, daß er beschloß, ein Teil seiner geübten Vorsicht außer acht zu lassen und sich die ersehnte Würze zu verschaffen, auch wenn es ihm an den Kragen ginge. Er schämte sich, aber der Trieb blieb stark.
Da entsann er sich eines Tages, als er vor sich selber nach einer Ausflucht suchte, daß das Verlangen nach Salz ja auch in den Tieren sehr lebendig sei, und er dachte der Rehe, denen in seiner Heimat die Jägerei eigene Salzlecken errichtete. Gibt bei uns der Jäger seinen Rehen Salz, folgerte er, so wird es hier der arme Bergbauer wenigstens seinen Ziegen nicht vorenthalten. Und er begann, Losung und Fährten der Ziegen in den Planinen zu erforschen, wenn er auch dabei wieder in Gefahr kam, mindestens mit einem Wolfshunde anbinden zu müssen.
Auf einer dieser Streifereien gelangte er in die Nähe eines jener weltlich simplen Hirtenobdächer der serbischen Planinen, von denen man glauben möchte, daß sie für nicht mehr da seien als für die Dauer jenes Unwetters. Und doch gibt es dort viele Menschen, die ihr ganzes Leben unter diesen paar zusammengetragenen Steinen verbringen! Es war ein ganz niederer Bau, eher einer Höhle ähnlich als einer Hütte, den er entdeckt hatte. Aber wichtig war es für ihn, daß alle Ziegen der Gegend täglich zweimal dorthin wallfahrteten. Es gab also Salz dort, und mit zitterndem Herzen legte sich Tikosch tausend Schritt über dem zusammengewürfelten Hirtengeklüfte auf die Lauer; er, selber ärmer als diese ärmsten Menschen, um sie bei guter Gelegenheit zu bestehlen. Und mit der Geduld eines Bussards wartete und wartete er, bis endlich einmal der Hirte, ein Greis, der nur einen Knaben bei sich hatte, die Hütte verließ, um offenbar ins Tal um Proviant und Nachrichten zu gehen; denn beide waren mit geflochtenen Tragkörben beladen, in denen sie zugleich Schafkäse, den man hier auf der Ovcina bereitete, zu Tale trugen.