Als sie eine halbe Stunde weit waren, hielt es den Verfolgten nicht länger, und er schlich sich zur Hütte. Ein Hund war nicht da, es rührte sich nichts, und trotzdem bebten dem jungen Manne die Knie; er schämte sich. Der einfache Holzriegel des kaum fünf Fuß hohen Raumes war von außen mit wenig List und Kunst zu öffnen. Was schloß er auch ab? So konnte Tikosch bald in das mehr als antik einfache Gelaß treten, nein, kriechen; denn es war für einen aufrecht stehenden Mann zu niedrig. Die Hirten hatten es denn auch nur als Schlaf- und Vorratskammer eingerichtet. Von den wenigen Dingen, die der armselige Raum enthielt, einem gemeinsamen Streulager mit schmutzigen Ziegenfellen, einer Tonlampe und etwas halbzerbrochenem Geschirr, sah der Ausgehungerte denn auch nichts, sondern suchte nur nach einem, nach Salz.

Wirklich fand er einen groben Klumpen Viehsalz; derbes, aber ziemlich reines Rohsalz von roter Farbe, an dem er gierig leckte, um es dann zitternd zu sich zu stecken. Ein zweiter Blick zeigte ihm noch eine lange und verschimmelte Speckseite. Auch diese riß er an sich, wurde brennendrot vor Scham, legte sie wieder weg, nahm sie wieder, roch mit nicht zu beschreibender Wonne daran und tat sie wieder fort.

Dann überlegte er, daß er ja ein Goldstück an ihre Stelle legen könnte, ein Goldstück, das in diesen Höhen der äußersten Armut den vierfachen Wert haben mußte und den zehnfachen der Speckseite! Aber das Gepräge war österreichisch und verriet ihn sicherlich. Den Leckstein allein konnten die Ziegen gestohlen haben, die in die schlechtverwahrte Hütte eingedrungen waren; der Speck mußte ernsteren Verdacht erregen. Und ihn den Bedürftigen einfach zu entwenden, das vermochte der ritterliche Ungar nicht, und wenn er im Anblick der Köstlichkeit hätte verhungern müssen! Ein schwerer, schwerer Kampf lag nur in dem Gedanken, er könnte das herrliche Stück irgendwie bezahlen.

Aber das ging nur an, wenn er sogleich zehn Meilen zwischen sich und sein verstecktes Lager am Stol legen konnte.

Dann war es nichts mit der Sprengung der Brücke.

Und Tikosch Gabor nahm von der wundervollen Speckseite mit geblähten Nüstern Abschied; nicht ein einziges Stückchen hatte ihm sein Stolz davon zu genießen erlaubt.

Er schlich sich mit seinem Zweipfundstück Salz davon, im köstlichen Gefühle, heut abends eine Mahlzeit halten zu dürfen, wie kein römisches Leckermaul sie je gekannt. In der Morgendämmerung hatte er auf dem Ansitze einen feisten Hasen erlegt, der ihn das fehlende Fett nicht empfinden lassen würde. Kartoffeln waren auch noch vorhanden; Tikosch war schwindlig vor Glück.

Abends, in seinem sicheren Versteck am Lagerfeuer, genoß er den gewürzten Braten, zu dem er noch Wacholderbeeren und den Thymian des Waldraines getan hatte. Er aß mit bebenden Händen und kam sich über alle Begriffe von Gott begnadet vor. Nur fehlte ihm in seinem Glücke jemand, mit dem er es teilen konnte, ein Gefährte, mehr als je! Tikosch war stets gesellig, konnte nur genießen, wenn er sah, wie es auch anderen schmeckte, und brauchte in Leid und Freude Menschenaugen, die ihm alles widerspiegelten, was er selber empfand. Er war kein Schwätzer, aber er lachte und tollte gar zu gern, wie ein rechtes Kind, das er stets geblieben war. Und wie einem Kind war ihm jetzt auch bange.

Es kam sogar, daß er in seiner Einsamkeit leise ein altes, unsagbar trauriges Lied zu singen begann, das so recht aus der endlosen braunen Steppe seiner Heimat geboren war und von hoffnungsloser Liebe und Abschied ging.

Tikosch sang es langgezogen und andächtig durch bis zu einer Strophe, bei der sie immer alle zu weinen pflegten, wenn es die Zigeuner den betrunkenen Kavalieren vorgespielt hatten.