Und wenn auch der gute Leutnant seit vierzehn Tagen keinen Tropfen Spiritus in irgendwelcher Form gesehen hatte, so heulte er bei der rührsamen Stelle pünktlich und jämmerlich drauflos. Es dauerte eine ganze Weile, bis das erledigt war; dann wurde ihm wohler und leichter, er setzte sich wieder aufrecht, strich zufrieden und halb beschämt seinen kleinen Schnurrbart und dachte eingehend und angestrengt daran, wie er es einrichten könnte, zu irgendeiner menschlichen Gesellschaft zu kommen, der er sein bedrängtes Herz ausschütten konnte. Denn mit sich selber allein wußte er ganz und gar nichts anzufangen.
Hier oben freilich kam er auf keinen grünen Zweig mit seinen Plänen. Er wäre fest entschlossen gewesen, mit der nächstbesten Zigeunerbande Bruderschaft zu machen, aber das Land war leer von ihnen.
In den nächsten Zeiten aber wuchs dieser Wunsch zu immer mächtigerer Sehnsucht empor:
»Einen Menschen gib mir; guter Gott, gib mir einen Menschen!«
Aber der Wald schwieg, und wenn in der Ferne ein Mann über die Planina wanderte, zog sich ihm dennoch das Herz zusammen, denn jede Begegnung bedeutete ja den Tod oder Gefangenschaft. Am grimmigsten war ihm zumute, wenn einer einen Hund bei sich hatte. Vor den Menschen war ein Verbergen möglich, vor den Hunden nicht; sein ganzes Mannestum und sein Stolz empörte sich aber bei dem Gedanken, von einem Tier, das er verachtete, zustande gebracht und gestellt zu werden! Von einem Hunde, diesem Kontrapunkt der menschlichen Niedertracht; dem Tier, das feige allem nachsetzt, was läuft und flieht, das nach dem Flüchtigen schnappt und den sich Stellenden fürchtet, das stinkt, Kot frißt, aller Armen und Zerlumpten erklärter Feind und des Peitschenmeisters Bauchkriecher ist!
Es brachte ihm das Blut zum Sieden, wenn er das giftige Gekläff eines Hundes nur von ferne hörte. Wo immer es sich unauffällig tun ließ, schoß er jede dieser Bestien, die er im Walde traf.
Einmal hörte er, als er auf Wildtauben an der Tränke lauerte, das tiefe, mürrische Geläut eines großen Hundes, und sogleich zuckte ihm das zornige Herz empor, das von diesem seltsamen Hasse erst seit dem Tage erfüllt war, seit man ihn selber mit Hunden gehetzt und er ein Verfemter geworden war.
Lieber wollte er Jäger als Wild sein, und sooft er einen dieser Verfolger und Peiniger seiner Nächte gestreckt hatte, war ihm leichter.
Er schlich, wie stets in solchem Falle, im Bachbette näher; bergab, dorthin, wo der Jagdlaut erscholl.
Er war schon ganz nahe und spannte sein Schießzeug, als eine dunkle, klangvolle Frauenstimme dem Tiere in rumänischer Sprache gebot, stille zu sein und sich zu legen. Betroffen stand der Offizier und war wie gebannt. Eine Frau hätte er hier oben in der Wildnis nicht erwartet, und mit klopfendem Herzen beschloß er, Weib und Hund an sich unbemerkt vorbeizulassen. Aber nur menschliche Tritte kamen an ihn heran; der Hund schien weiter unten den Zugang aus dem Tale zu bewachen.