Tikosch wagte nicht mehr, sich in das dichte Gestrüpp zurückzuziehen. Um keinen Lärm zu machen, drückte er sich nur oberhalb des größeren und tiefen Kolkes, den der Bach hier machte, ins Buschwerk. Ging es gut, so kam sie unbemerkt vorbei.

Entdeckte ihn aber der Hund, so war das viel schlimmer, als wenn ihn ein Mann ertappt hätte; denn Mann und Hund wären dem wildentschlossenen Jungen nicht lebend ins Tal gekommen. Dem Weibe gegenüber war er hilflos, und vielleicht das erstemal in diesen abenteuerlichen Tagen kam das Zittern nervöser Furcht in seine Glieder. Endlos dauerte es, bis er das Blitzen eines hellen Kleides durch die Sträucher sah, und noch länger schien es ihm, bis er wußte, mit wem er zu tun haben würde. Dann aber merkte er bald, daß er mehr sehen sollte, als er sich erwartet hatte.

Ein ernstes, großes, dunkles Mädchen stand plötzlich am Tümpel des Baches. Sie trug die schöne und einfache Volkstracht dieser Gegenden. Nur schien es Tikosch, als ob die Stickerei des Hemdes, das den Hauptteil dieser Tracht ausmacht, ungewöhnlich kunstvoll und reich wäre; so nahe stand sie schon unter ihm. Sie horchte nach dem Hunde hinunter, der wieder rege zu werden begann, und rief: »Couche, Pouilly!« Dies letztere Wort, das dem Scherzruf Bully verwandt sein mochte, rief sie mit so unleugbar französischer Betonung, daß der erstaunte Offizier, der längst jede ihrer vornehmen Bewegungen mit Bewunderung verfolgt hatte, bei sich dachte: »Aber das ist ja eine Dame!«

Das Mädchen, dessen sehr ernstes und regelmäßiges Gesicht er jetzt genau sehen konnte, streifte kurzweg ihren Rock herab und war im Begriff, ihr Mieder zu öffnen, das seine letzten Bedenken über ihre vornehme Herkunft zerstreuen mußte, als der junge Offizier in besinnungsloser Angst, ohne zu bedenken, was daraus werden könnte, rief: »Fermez, fermez, madame! Faites attention!«

Die Wirkung dieser Worte, aus dem Dickicht der wildesten hochserbischen Planina gerufen, war denn auch eine ruckartige.

Das schöne Geschöpf wurde blaß über ihr ganzes Gesicht, und ihre Augen staken mit dem Ausdruck hilflosen Schreckens an dem Gebüsche, aus dem die französischen Worte gekommen waren, und in welchem sie, da die Sonnenstrahlen prall auf die Zweige vor ihr fielen, nichts mehr sehen konnte. Sie vermochte kein Glied zu rühren, und die einzige Reflexbewegung galt dem Schutze der oben entblößten Brust.

»Voilà, qui vive?« »Wer ruft hier?« fragte sie endlich mit tonloser Stimme.

Und Tikosch, wieder mit seinem gar nicht guten Französisch:

»Ein armer Verfolgter, meine Dame, der sehnlich bitten muß, daß Sie ihn weder sehen, noch sich seiner Anwesenheit in diesen Wäldern erinnern, wenn Sie diesen Platz verlassen haben werden. Darum bitte ich Sie flehentlich. Als Kavalier verriet ich mich Ihnen. Aus Ritterlichkeit, um die unbelauschte Stunde einer schönen Frau nicht auszunutzen. Haben Sie auch so viel Zartgefühl, ein Leben, das Tag und Nacht bedroht ist, zu schonen und zu vergessen, wer Ihnen hier begegnet ist! Mehr verlange ich nicht.«

»Ein Verfolgter!«