»Armer Mensch,« sagte Livia ruhig. »Nun wollen wir überlegen, was für Sie zu tun möglich ist. Haben Sie Wünsche? Ich würde mich getrauen, Sie über die Donau nach Rumänien zu schaffen; von dort können Sie nach Österreich. Wir sind neutral.«
»Wer alles ist denn nicht neutral?« fragte Tikosch.
»Später, später,« lächelte sie. »Jetzt nur das eine. Was haben Sie für Wünsche?«
»Speck, vor allem Schweinespeck oder sonst ein gutes Fett,« sagte Tikosch ehrlich.
Da lachte das ernste Mädchen zum ersten Male ein wenig, machte aber gleich wieder ein besorgtes Gesicht. »Leiden Sie denn Hunger?« fragte sie.
Da erzählte er ihr all seine Abenteuer und seine Not; wie schwer es ihm geworden war, auch nur einen einzigen Vogel zu erbeuten, als er dem Hungertode nahe gewesen war, wie er aufs Feld stehlen gegangen war und den Hund erschießen mußte, wie er dann weiter gelebt hatte, und wie der Besitz eines einzigen Stückes Salz ihm wichtiger geworden war als alles, was ihm sonst hoch und teuer schien, samt dem Vaterlande!
Und in drollig unbehilflicher Form erzählte er dann, als sie ihm Platz neben sich auf dem Waldgrunde anbot und er mit mehr Behagen berichten konnte, was ihn seit Tagen am meisten erstaunte und beschäftigte, was er nie gedacht und von sich erwartet hätte: daß er in dieser Waldesstille zum Grübler geworden sei, der es sich in den Kopf gesetzt hatte, zu erfahren, warum er auf die Erde gestellt worden sei! Das Fräulein sei offenbar sehr gebildet und wisse viel mehr als er selber. Wenn er öfter mit ihr darüber reden könnte?
»Also Speck und Metaphysik sind die beiden Bedürfnisse der Wüste,« sagte sie mit einem kaum merkbaren Lächeln und fuhr fort. »Ich bin in einem Schweizer Pensionat erzogen worden und habe dort wenig von diesen Dingen gelernt. Aber grübeln habe auch ich viel müssen. Meine Brüder sind ganze Franzosen geworden und leben so unsinnig in den Tag hinein, daß wir schon beinahe als verarmt gelten könnten. Da sucht man sich von den Lehren der Weltleute und Kavaliere gerne abzukehren. Lieber Herr Leutnant, jenes Leben macht nur leer und arm, oder unglücklich! Ich habe versucht, anderswo einen billigeren Trost zu suchen, wie er auch nur für arme Leute zu wachsen scheint. Mutter und ich, wir haben uns bei Rgotina auf unser Waldgut zurückgezogen und besitzen auch hier in der Nähe einen Meierhof, der wegen seiner abgeschiedenen Lage unnutzbar und deshalb auch glücklicherweise unverkäuflich ist. Hier in der Einsamkeit wurde mir allerlei offenbar, wovon die Verschwender und Modemenschen nichts wissen können. Nichts wissen dürfen; denn sie müßten dann verzweifeln!«
»Und das ist?« fragte Tikosch andächtig.
»Das ist, daß man zu sich selber und damit zu Gott kommt, und das geht nur in der Einsamkeit und in der aufrichtig gebliebenen Familie Gottes; so nenne ich nämlich die Steine, Bäume und Tiere. Hätte ich das Leben der Reichen führen dürfen wie meine Brüder, und in Nizza meinen Champagner trinken, ich wäre verlorengegangen wie sie. Hätte ich dort dem Gassenvolke glänzende Kleider vorführen können, ich wäre verdammt von Gott, wie alle Reichen. So aber ist mir jeder Tag ein neues Wunder, und ich sehe Gott überall: in den Tieren und den Bäumen und in mir selber. Vielleicht ist es auch Ihnen bestimmt, durch diese Einsamkeit nach innen reich zu werden. Bisher haben Sie hier freilich zu wenig von den einfachsten Gütern des Daseins genossen. Denn es ist leider so, daß man seine Seele nur erheben und reinigen kann, wenn die Not nicht zu drückend ist und die einfachsten Bedürfnisse befriedigt sind. Man muß freie Zeit haben. Aber da ich nun für Butter aufs Brot sorgen werde,« (sie lächelte wieder ein wenig) »so werden Sie finden, daß Ihr Leben hier ein sehr gesegnetes sein wird im Vergleich zu dem Dasein Ihrer Brüder unter dem unerbittlichen Gott der Russen.«