»Haben die einen anderen Gott?« rief er, weil sie das wieder so ernst sagte.
»Ich glaube es sicherlich. Vielleicht liegt dieses Heidentum, diese Vielgötterei in meinem römischen Blute. Aber kein Priester wird mir weismachen können, daß der Gott der üppigen Wälder und Wässer, der Weingärten und Edelkastanien dieses kleinen, familienhaften Landes mit seinen milden Wintern kein anderer ist als der Gott der endlos traurigen Steppen, des Lehms, der Nebel, der gedrückten Schwermut in allen Hirnen und der Massen, die nur Zahl sind und keine Bedeutung der einzelnen kennen. Jedes Land hat seine eigene Gottheit, und wenn ein solches Land in einen fremden Staat hineingezwungen wird, so muß zwischen den beiden Völkern ein Krieg sein, der nie sterben kann, bis sie nicht wieder getrennt sind und jedes seinem eigenen Gotte gehört. Ist denn nicht den Italienern und auch einem Volke wie euch Deutschen nicht eher wohl geworden, als bis ihr vereinigt waret? Es ist Sünde wider den heiligen Geist, Völker mit verschiedenen Göttern aneinander fesseln zu wollen.«
»Das ist wahr,« sagte Tikosch; »in der Schule habe ich gelernt, daß die Alten zuerst bei jedem Volke ihren eigenen Gott hatten. Erst die großen Zwingmeister und Eroberer, zuerst Cyrus, dann Alexander und endlich die Römer, begannen, das zu leugnen und die Götter zu mischen. Und als man den einzigen Allgott gefunden hatte, da suchte sich doch jeder Ort seinen eigenen Heiligen für den Himmel. Nun, meiner Treu, ich bin neugierig, ob ich mich mit der Gottheit dieser Höhen und Wälder verstehen und vertragen werde, wenn sie anfängt, mich anständiger zu behandeln als bisher. Aber ich habe ja nun Ihre Protektion als Priesterin?«
Livia, die wenig Vergnügen an dem scherzhaften Tone fand, mit dem der Leutnant ihren ernsten Glauben behandelte, lenkte ab und bat ihn, ihr sein Versteck zu zeigen. Da führte er sie treuherzig in sein Kamp, dessen Zigeunerhaftigkeit ihr großes Vergnügen bereitete.
»Hier werde ich Ihnen die Hauswirtschaft führen helfen,« sagte sie, als sie wieder aus seinem Erdloch unter der Zeltplache herausgekrochen war. »In jedes eigene Haus gehört eine Frau.«
Und am Abend kam sie sehr vorsichtig und schwer beladen und bewaffnet herauf und brachte ihm in einem Korbe Leckerbissen, bei deren Anblick ihn schwindelte.
»Lassen Sie sehen,« bat er und hob den Decke! ab. »Wahrlich, echter, edler, perlblasser Schweinespeck! Ich kann es kaum glauben, daß es Menschen gibt, die bei solch einem Anblick nicht in die Knie brechen und sich feierlich an die Brust schlagen! Oh, und duftendes Brot! Und Wein! Heiland, jetzt weiß ich, daß Du Deine Symbole nicht für satte Menschen gewählt hast, und daß dem Reichen Dein Himmel ewig verschlossen sein muß! Weinen könnte ich! Und das ist ein Schinken! Wie lange mag es her sein, daß ich so einen nur in fiebernden, verliebten Träumen sah? Und nun ist solch ein Überfluß zu mir gekommen. O Fräulein, liebes Gotteskind, ich bin ganz verzagt, ob Sie mir nicht am Ende nur so wunderschön vorkommen, weil Sie in Begleitung dieser göttlichen Tugenden sind!«
Nun lachte sie gern.
Sie ließ ihn sein Lagerfeuer machen, packte einen Topf aus, in dem sie ihm alle Gewürze der Küche mitgebracht hatte, und stellte Wasser an die Flamme, denn sie wollte ihm gegen den empfindlich scharfen Herbstabend einen wirklichen Tee kochen, mit Rum drinnen.
Er aber zerteilte seine heutige Jagdbeute, einen Hasen, und steckte die Stücke an einen Spieß aus Wildkirschholz.