„Da geht er hin, das aufrichtige Kind der Natur,“ sagte Vaudreuil in andachtsvoller Ehrfurcht. „Er wird Filetstücke von der Größe einer neugeborenen Katze in sich hineinschwingen, aber er wird Wasser dazu trinken, in seiner rauhen Tugend. Es ist unglaublich, lieber Caron, aber er hat sich jedes Bett verbeten — und schläft auf einer Matratze in der entlegensten Dachkammer. Er trinkt keinen Wein, er ist keusch, er ist aufrichtig — — — es ist unglaublich!“
„Und der soll meinen Figaro geben,“ jammerte Beaumarchais. „Ach, Herr Graf, wo haben Sie Ihren sublimen Instinkt, Ihre Delikatesse, Ihre klugen Augen gehabt!“
„Der Schein spricht gegen ihn, das gebe ich zu,“ gestand Herr von Vaudreuil etwas bedrückt. „Und dennoch leistet er auf der Bühne geradezu das Gegenteil dieses seines wahren Wesens! Es ist kaum möglich, aber Sie selbst werden es erfahren.“
Beaumarchais blieb ungläubig.
Immerhin: die Theaterprobe verlief entzückend.
Herr Crambon hatte seine rauhe Tugend abgelegt, wie ein galanter Konnetable von Frankreich am Abende nach der Schlacht das ruppige Kettenhemd. Er war nicht übel und verhieß nichts zu verderben. Die zahlreichen Sentenzen, Malicen und Frechheiten, die er abzufeuern hatte, sprach er etwas allzu ehrlich, aber das schadete nicht viel. Es war eine angenehme Enttäuschung.
Wer von den erlauchten Gästen des Schlosses scherte sich übrigens um Figaro, da eine solche Gräfin spielte! Demoiselle Klincker war ganz weiche, leise gekränkte Unschuld. Ihr Elsässer Französisch erhöhte noch den Eindruck naiver Betrogenheit. Demoiselle Klincker war zartfärbig, wie eine Seele nach der Beichte; ihr kornblondes Haar leuchtete selbst unter dem Puder der majestätischen Frisur durch und ihre süßen, blauen Augen öffneten und schlossen sich langfransig wie die Portieren eines Brautbettes. Der leise Zug von Lethargie, mit dem sie ihre resignierte Rolle sprach, versetzte alle Intimen des Parketts in die süßeste Schwermut, diesem armen Geschöpf nicht schon zwischen dem zweiten und dritten Akt mit etwas Liebe beispringen zu dürfen. Wenn nicht der kleine Teufel, die Suzanne, ein unglaublich leises Vibrieren behender Sinnlichkeit fortwährend in das Stück hineingesprüht hätte, so hätte sich der Erfolg des Herrn von Beaumarchais, ganz gegen dessen Willen, nach der sentimentalen Seite hin verschoben.
Herr von Vaudreuil war außer sich vor Wonne. Alle Freunde, die zur Generalprobe geladen waren, hatten sich in Demoiselle Klincker verliebt. Alle machten ihr den Hof, als das Stück zu Ende war, und wenn nicht der geistreiche Schloßkaplan, Abbé Lucien, der sich um die schöne Klincker wenig kümmerte, dem Dichter die schönsten Komplimente gemacht hätte, so hätte Beaumarchais eine Zeitlang so vergessen im Winkel gestanden, wie ein Kamin im Sommer.
Die bildschöne Klincker nahm alle Komplimente und all die fiebernde Verliebtheit der glänzenden jungen Herren stangensteif entgegen, gleich einem präraffaelitischen Madonnenbilde. Sie, die mit Recht im Verdachte stand, um ein volles Jahrhundert zu religiös zu sein, dankte bloß ruhig dem Himmel für diesen neuen Sieg, und nur als ihr Gebieter, der Herr von Vaudreuil, ihre schönen Hände küßte, erinnerte sie sich: Ach ja, da muß ich einen Händedruck von mir geben.