Sie war von einer entzückenden Zurückhaltung. Sie war in ihrer Art so unerhört an Tugend, wie Herr Crambon, der jetzt wieder ganz Benjamin Franklin in rauherer Auflage war; alles staunte, woher dieser gesträubte Pinienzapfen seine Glätte auf der Bühne genommen hätte.

Demoiselle Klincker bekam mehrere liebenswürdige Einladungen für diese oder einer der nächsten Nächte, aber sie lehnte alle ab, und verwundert und neidisch beglückwünschten die Herren den alternden Vaudreuil zu solcher Tugend seiner Geliebten.

Herrn von Vaudreuil tanzten alle Nerven vor innerlichem Jubel ob solchem Triumph.

Es stach ihn aber doch ein sehr feines Dörnlein, als Demoiselle Klincker sich für heute von ihm frei bat, weil sie von der Generalprobe sehr abgespannt sei und eine Nacht lang fest ausschlafen wollte.

Ach Gott, sie schlief ja auch bei ihm fest genug, dachte er seufzend, als die unerschütterliche Tugend fortwandelte.

Es ließ ihm, als er dann auf seinem Zimmer allein war, keine Ruhe und er rächte sich an ihr als echter, französischer Kavalier. Stundenlang spazierte er, schon im Schlafrock, aber noch in Seidenstrümpfen, in der einsamen Nacht des Schlafgemaches auf und ab, bis seine witzige Seele endlich, endlich Erlösung in folgendem Epigramm gefunden hatte:

Ihr sagt's und es ist wahr / daß Phyllis engelrein!
Ich selbst drang manche Nacht / mit Liebe in sie ein; —
Wo andre rasen, liegt / sie so voll Apathie
Daß ich ihr sagen muß: / „Madam', ich meine Sie!“

Vaudreuil war sehr glücklich über diese Alexandriner, die ihm gelungen schienen. Nach seiner Gewohnheit lief er sogleich zu einem seiner feinsten Ehrengäste, dem Dichter Lebrun, der Bosheiten am besten zu würdigen verstand, pochte an dessen Tür und weckte ihn. Lebrun, der wußte, daß jede also gestörte Nacht am nächsten Morgen mit der holden Sendung einiger Louisdors begütigt wurde, öffnete ihm in bester Laune und bezeigte sich entzückt von dem Witz und der hübschen Formgebung seines Schülers. Er sagte ihm, daß in zwei Tagen ganz Paris sich hinter dem oeil de boeuf, auf den Boulevards und in den Garküchen das reizende Bonmot in die Ohren flüstern würde und beging, da die Gelegenheit gut war, schnell eine kleine Gemeinheit:

„Wir müssen diese reizend frivolen Verse augenblicklich dem Abbé Lucien vorlesen. Der ist in solchen Dingen ein Feinschmecker, und wie ich weiß, schläft er durchaus noch nicht.“

Abbé Lucien hatte in seiner Sorglosigkeit vergessen, die Türe seines Zimmers zu verriegeln, und als der gute Vaudreuil hinter dem eiligen Lebrun eintrat, indem er sein ungalantes Blättchen voll freudiger Lesebereitschaft in Händen hielt, da mußte er Demoiselle Klincker bei dem freisinnigen Abbé eingenistet entdecken.