Als einer von den richtigen Feinschmecker-Dilettanten, die äußere Form und Technik am höchsten schätzen, weil sie solche am besten verstehen und nachahmen können, versuchte er sich mit einem Ziseleurstückchen. Einer Glosse. Er wollte ein Thema variieren; das Thema: „Sonne, die im Westen steht.“
Alle vier Zeilen, jede in einer Strophe.
Nach manchem Seufzer, nach manchem Strich und einigen Änderungen hatte er das kleine Kunststückchen zu seiner großen Genugtuung fertig:
Sonne, die im Westen steht
Hat das heit're Spiel verloren,
Wird nur jenseits neu geboren.
Welch bedeutsames Valet
Ruft sie dir, o Philalet!
Sonne, die im Westen steht!
Nie mehr läßt sie heit're Nacht,
Läßt dich Süßes ahnen,
Graue Sorgenschatten mahnen,
Daß dein Tagwerk bald vollbracht.
Ach, verlaß' der Liebe Fahnen!
Nur ein Leben neuer Bahnen
Läßt dich Süßes ahnen.
Abends, wenn sie untergeht,
Weiß sie dennoch sich ein Morgen.
Doch wie banne ich die Sorgen,
Weil kein Trost mich süß umweht
Wie die gold'ne Majestät
Abends, wenn sie untergeht?
Welkes Laub rauscht dort und hie
Unter den Platanen;
Alles singt das Lied des Schwanen!
Hilf mir du, Philosophie,
Eine neue Welt zu planen,
Langsam wandelnd sie zu ahnen
Unter den Platanen!
Herr von Vaudreuil las sein wehmütiges Gedicht in tiefer Rührung. Er sagte es sich auswendig vor; er stand, seine Verse leise summend, am offenen Fenster. In der Tiefe rauschten die Wasserkünste des Schloßbrunnens und leise schmeichelte die Nachtluft um die Wangen des glänzenden Herrn, der zum ersten Male in seinem Leben tief und schwer nachdenklich war.
„Ei sieh,“ lächelte er wehmütig, „da habe ich nun nicht eine Seele im ganzen Schlosse, die ich aufwecken könnte, um ihr dieses Gedicht vorzulesen. Herr Lebrun würde nur schadenfroh grinsen, Herr von Coigny mich verächtlich bedauern, Marquis Grouchy an ganz Paris berichten, ich würde alt, und Herr Caron de Beaumarchais würde mich in ein Moralstück bringen, so daß sich die Leute über den melancholischen Vikomte zu Tode lachen müßten.
Niemand — niemand!