„Seht doch, sind sie nicht einen Tag lang in derselben Postkutsche gefahren?“ fragte der Graf.
„Allerdings, aber —“
„Vor dem Auge der Natur sind Tag und Nacht gleich. Wir dürfen hier in Patmos der Natur keine Schande machen.“
Von den beiden Leuten unten war eines tief dunkelrot geworden, und das hieß Johann Georg. Er sah nach Dorette hinüber und nach ihrem ruhigen Lächeln.
„Madame!“ flehte er.
Dorette zuckte die Achseln. „Man hat jetzt diese Sitte, natürlich zu sein,“ sagte sie. „Ich, ich fürchte viel zu sehr, mich lächerlich zu machen, und finde überdies nichts Arges an dem Gedanken des Herrn von Landry. Hören Sie doch nur, daß man Kammerdiener sein muß, um Einwendungen zu machen.“
In der Tat erklang nochmals die verschüchterte Stimme des Dieners: „Ob aber die Dame einverstanden sein möchte?“
„Daß ihr beschränkten Tölpel auch gleich immer an das Schlimmste denken müßt,“ rief Landry. „Geh hinunter und du wirst sehen, daß sie sich als Leute von Welt gar nicht zieren werden.“
Wirklich machten weder die Dame noch der junge Baron aus Deutschland eine Einwendung. Sie begrüßten bald danach den Grafen, der sich mit der Abendtoilette etwas verspätet hatte, im großen Salon und trafen ein Bürschlein von etwa zwölf Jahren bei ihm, sorgfältig frisiert, gepudert, Hut und Degen auf einem Tisch und ein aufgeschlagenes Buch vor sich. Es war ein außerehelicher Sohn des Kardinals Rohan, den Landry bei sich hatte.
Da Madame de Maintignon an ihrem Reifrock einen Schaden bemerkte, der beim Aussteigen durch Darauftreten eines Hirschbachschen Stiefels entstanden war, stellte Landry seinen Cousin dem jungen Deutschen zuerst vor.