Das kleine Herrlein machte eine Verbeugung, schlank, biegsam, fein und weltmännisch zum Staunen. „Sie beehren mich zur besten Stunde, mein Herr,“ hub er an, „da ich gerade des Tacitus Germania las und Sie mir also Gelegenheit gewähren, Ihnen meine Bewunderung für Ihre Vorfahren auszusprechen, und Ihren Vorfahren meine größten und entzücktesten Komplimente über einen Erben ihrer Tugenden zu machen, wie Sie es sind, mein Herr!“
Der gute Johann Georg stand wie vor einem Mirakel. Wenn ein zwölfjähriger Knabe also mit ihm begann, wie würde er den Erwachsenen antworten müssen? Dorette war es, die ihn durch eine rasche Zwischenfrage des Stammelns und Suchens überhob.
Sie kam herbei und sagte freundlich: „Wie glücklich sind Sie, mein Herr, die Gedanken der alten Klassiker Ihr eigen nennen zu können. Darf ich fragen, welche von jenen bewundernswerten Dichtern sich schon Ihr Herz zu gewinnen verstanden?“
„Seit Sie vor mir stehen, Madame,“ sagte der Knabe mit einer reizend gespielten Verlegenheit und einem zärtlich schüchternen Blick, „weiß ich mich an keinen mehr zu entsinnen; es — es müßte denn Anakreon sein.“
Johann Georg machte, daß er davon kam. Er hatte eine Heidenangst vor den Überirdischen dieses Schlosses bekommen, die er noch kennen lernen würde.
Aber nein; es wurde reizend.
Johann Georg ward noch am selben Abend von den Damen umdrängt wie ein reifes Obstbäumlein, und sie hätten ihm sehr heiß gemacht, wenn nicht die großen Reifröcke gebieterisch einen weiten Kreis bedingten, so oft nur vier oder fünf der reizenden Geschöpfe sich um ihn gruppieren wollten.
Herr von Landry hatte ihn als Meister in der Natur vorgestellt, und Johann Georg war überglücklich, den entzückten Schönen von den Köhlern des Thüringer Waldes, vom Hörselberg und vom Vogelfang mit Sprenkel und Dohne erzählen zu können. Alles war vor solchen Neuigkeiten außer sich: Johann Georg kam aus einer gänzlich andern Welt.
An diesem Abend standen herrlich getürmte Wolken fern über den Auen des Rheins, und die verliebte Abschiedsglut des Untergangshimmels jenseits vom Wasgau warf ihnen Rosen über Rosen hinüber. Formvoll und massig standen sie, ein Gekröse von Blaßblau, Veilchenhauch, Pfirsichblüte und zartem Fraise.
„Dort oben ist Traumburg und Schloß Glück. Dort wohnen die Seelen aller Gefangenen, und um die Taubenschläge dieser Luftschlösser fliegen als Vögel die Seufzer der Liebe, des Heimwehs und der Freiheit.“ Hans Georg hatte es leise zu Demoiselle Eliante gesagt und dabei sehnsuchtsvoll nach Madame Maintignon geblickt, die heute Nacht mit ihm das Zimmer teilen würde. Aber die lebhafte Eliante schlug einen silbernen Jubel auf, rief das ganze Schloß herbei und erzählte ihnen, Wort für Wort, die wunderbaren Sätze des wilden, schwermütigen Waldjungen, der sich für einsame Stunden solchen Stil als eine Mischung von Shakespeare und Ossian angewöhnt hatte.