Die schöne Heloise brach in Tränen aus, die stolze Amante mit der stählernen Stimme rief „herrlich“, die zärtliche Céleste warf ihm einen süßen, schmachtenden Blick zu, und Glycère, die leise Zweideutige, flüsterte: „Ich gestatte Ihnen, Herr Baron, für dieses entzückende Gedicht noch kühnere Träume, als dort oben in den Wolken möglich sind.“
Frau Dorette neigte ganz reizend den hochfrisierten Kopf, der jetzt blühweiß vor Puder wallte, und sah ihn links an und sah ihn rechts an. Dem armen Jungen schwoll das Herz im Leib zu unerträglicher Größe an.
Nach Mitternacht dann führte er seine Dame mit zitternden Knien und würgender Kehle in ihr Gemach.
Dort sah es inzwischen seltsam aus. Mitten durch das Zimmer war eine starke Kordel in Mannshöhe gespannt und daran hingen Reifröcke: fünf Reifröcke, einer hart an dem andern. Sie bildeten eine Mauer von sechs Fuß Dicke und waren undurchdringlich für jeden Blick. Madame Dorette schlüpfte dahinter und sagte dann: „Adieu, mein Freund. Erzählen Sie mir, bis ich eingeschlafen bin, hübsche Geschichten, und sodann gute Nacht.“
Der arme Georg setzte sich auf sein Bett, zog die Strümpfe herab und begann von Tannhäuser zu berichten, der im Venusberge mehr schöne Dinge erlebte, als ihm angenehm war. Er hörte hinter der Rockwand ein leises Schlürfen, ein Knistern von Seide, ein Rascheln von Wäsche und das Knicken eines Bettes. Als er eben Beziehungen zwischen dem glücklichen Sänger und seiner eignen, unfruchtbaren Lage beginnen wollte, hörte er den leisen, schnellen Atem der schönen Dorette. Sie war eingeschlafen.
Er zerwarf und zerwühlte noch lange Zeit sein Lager. Endlich strafte er seinen bangen Durst, verehrte Dorettens Reinheit, verhielt sich still, dachte, sie ist ein Engel; ich will ihrer würdig sein, und schlief ein.
Am anderen Tage verzog er sich leise und schnell aus dem Zimmer, um Dorette bei den heiligen, langen Stunden der Toilette nicht zu stören. Im Garten weilte noch keine Seele, denn sie standen im Schlosse vor zehn Uhr nicht auf. Da setzte er sich auf die wölbige Rasenbank vor dem Bassin bei der arkadischen Tempelruine und horchte dem Rieseln des Wasserfädchens zu, das aus der moosgrünen Urne eines verliebten Götterpaares lief. Da seine Nachtruhe kurz gewesen war, schlief er wieder ein und wurde erst von dem verwunderten Gelächter eines ganzen Taubenflugs junger Damen und Herren geweckt, die eine halbe Stunde vor Mittag den schattigen Weg daherkamen.
„Reizend,“ sagte Landry. „Er hat recht, auch wir halten von heute ab nach dem Frühstück eine Siesta im Grünen.“
Georg war sehr froh, daß sie ihn überrascht hatten. Wie, wenn er etwa gar mit Dorette am Arm vor die Gesellschaft hintreten hätte müssen? Nun hielten sie doch alle Dorette für seine Geliebte!
Aber kein Mensch schien sich viel um das kleine Ereignis zu kümmern; kaum daß ihn die zweideutige Glycère mit einem leisen Blitzlein unter seinen Augen prüfte. Der Deutsche erkannte bald, daß es überhaupt nur Pärchen gab auf Schloß Patmos. Diese behandelten sich zart und fein wie höfliche Fremde und nannten sich mit solch milder Ruhe „Sie“ und „Freund“ und „Freundin“, daß nur eine starke Neugierde vermocht hätte, hier mehr als bloße Kameradschaft zu erkennen. Aber es schien niemand neugierig; vielleicht, weil man genau wußte: Alles ist, wie ich bin.