Nur dieser Deutsche ahnte nicht, was die Mode über Menschen vermag. Das Kind Shakespeares glaubte wahrlich selbst hier noch an originale Charaktere und an Individualitäten!

Der heitere Landry nahm ihn ein wenig beiseite und ließ Glycère, seine Freundin, mit der schönen Dorette in den Park ausschwärmen. „Heute nachmittag ist ländliches Fest,“ sagte er zu seinem Gast. „Besitzen Sie irgendein bukolisches Kostüm? Bauer, Schäfer oder ähnliches?“

„Ich habe meine deutsche Jägertracht,“ gestand der junge Baron zögernd.

Landry lachte. „Wo denken Sie hin, mein Freund? Ein Galarock, das geht doch nicht!“

„Ach, da ist nichts von Frack und Parforcepeitsche dran,“ erklärte ihm Georg. „Sehen Sie, teurer Chevalier, die französische Jagd, das ist die Jagd der Geselligkeit. Die deutsche Pirsch, das ist die Jagd des einsamen Träumers. Wir sind gekleidet wie das schattenleise, graue Wild, wie der tausendjährige Baumgreis, wie der uralte Fels. Wir fühlen uns am geselligsten, wenn wir allein sind; denn dann sind wir den stillen Geschwistern nahe; dem Busch und dem Stein, dem kleinen Waldestümpel, diesem dunklen Auge der träumenden Berghöhe, um das die scheuen, nächtigen Wildfährten geschrieben sind, die wir lesen als die Schrift der Natur. Wir wissen alles, von der leisen, huschenden Dämmerungsvogelliebe in den Nächten Oculi und Lätare, bis zu den verschwiegenen Winternächten des Fuchses, von der Erregung des Rehs bis zu dem wilden Aufschrei des eifersüchtigen Hirsches. Wir hegen und pflegen diese Liebe und töten nur zögernd, als Bevollmächtige des großen Zeugers und Zerstörers allen Lebens. Bis in die Seele des Wildes schleichen wir, in sein geheimstes Weben. So sind wir einsam und dennoch reich gesellt.“

„Ach,“ rief der eifrige Landry, „das ist köstlich, das müssen Sie uns lehren. Bitte, zeigen Sie mir doch jenes waldfarbene Kostüm!“

Der junge Hirschbach nahm seinen Wirt mit sich, und während Landry schwermütig in den Anblick des Walles von aufgehängten Reifröcken versank, hinter dem sein junger Freund so glücklich sein mußte, packte der junge Deutsche sein graugrünes Jägerkleid aus.

„Wenn Sie gestatteten, daß ich mich darin sähe?“ bat Landry.

Lachend half ihm Georg beim Anlegen jener Stücke.

Landry war ein schöner Kerl, und das schlichte Grau und Grün mit dem Federgesteck saß ihm keck und fein zugleich. Es ließ ihn frischer und dennoch nachdenklicher erscheinen, und mit unverhohlener Liebe besah sich der Chevalier in seiner Verkleidung vor dem Spiegel. Dann ging er in den Park, um von seinen Gästen lauten Jubel zu ernten. Er verkündete die entzückende Neuheit der deutschen Jagd. „Denken Sie sich, meine Freundinnen, es gibt da eine Methode, die heißt ‚der Anstand’. Diese werden wir üben, in den Vogesen. Jeder von den Messieurs nimmt sich die Dame, der es gefällig sein wird, und übt mit ihr in den stillen Hainen den Anstand. Sie sehen,“ wandte er sich zu dem entsetzten Hirschbach, „welche Reize wir Ihren Jagdmethoden abzugewinnen verstehen.“