Inzwischen lief die ganze Gesellschaft fröhlich weiter auf den Fährten der Natur. Landry vergötterte seinen naiven Gast, dessen seltsames Wesen er für feinste Berechnung und künstliche Mode hielt.

„Ich bin so glücklich,“ gestand er ihm. „Sie reißen mich bis zu den originellsten Entdeckungen und Erfindungen hin. Wir schmausen und tafeln im Grünen, wir tanzen im Mondschein wie die Elfen ihres maître Chequespire, wir leben gesellig wie die wilden Kaninchen. Nach dem Mahle schlummern wir im Rauschen der Bäume und Quellen und beenden unsere Verdauung im trauten Busch, zwischen nickenden Wiesenhalmen und auf dem von Mohnblumen errötenden Feldrain, bis in ihre letzten Konsequenzen. Es ist das meine glücklichste Erfindung. Weiter kann man sie doch nicht treiben, die Natur. Nicht wahr, Freund meiner Seele!?“

Zum ersten Male seit langen Tagen lachte Georg aus vollem Herzen über die Bemühungen seines Wirtes, der Natur näher zu kommen.

Und Landry lachte eitel, silbern und glücklich mit ihm.

Dann aber kamen trotz des Juli lange Regentage über Schloß Patmos, und mit der Natur war es aus für alle, außer für den einsamen Deutschen. Der stieg hinauf in die eintönig rauschenden Bergwälder und schaute nach versiegtem Regen mit einer Seele voll Brudergrüßen über die stille Landschaft, über Waldberge hinter Waldbergen, aus deren Falten sich der geisterstille Wolkenrauch erhob und langsam über die Fichtenhöhen hinstreifend rückkehrte zu den ziehenden, grauen und weißen Geschwistern der Luft.

Da fragte er auch wohl bei den Bauern umher und fand nichts vom „bon villageois“, von dem die lächelnden Damen schwärmten. Finsterer Groll, abwartende Tücke, verhaltene Drohung, das war die Stimmung gegen die Gesellschaft in Schloß Patmos. Dieselbe schlichte, fast bürgerliche Kleidung, die dort unten Madame Dorette über ihn die reizenden Achseln zucken machte, führte ihn hier näher an das Geheimnis der Volksseele.

Furchtbares brütete da.

Er warnte oft seinen Gastherrn, warnte Dorette und die andern, aber man schalt ihn: „Sie Geisterseher, Sie Mondbewohner, wollen Sie nicht schweigen und mit aller Welt vergnügt sein, wie es sich schickt?“

Da schwieg er, aber er ließ sich Zeitungen kommen. In dieser ganzen Gegend von Straßburg bis Metz, bis Toul, Verdun und Nancy umher gab es kein Dutzend Zeitungen. Wozu auch?

Wie hätte es Zeitungen geben sollen, wenn keine Ereignisse da waren, sie zu füllen! Man amüsierte sich allerorten auf gleiche Weise; das wußte jedermann ohnedas. Zwar war die Nationalversammlung schon einberufen, und der Volkszorn begann dumpf aufzugrollen. Aber solange die Revolution nur theoretisch blieb, wurden die Journale sehr langweilig gefunden. Man wußte ohnehin besser über Menschenrechte zu plaudern als darüber geschrieben werden konnte.