„Ah,“ sagte sie. „Hier dürfen Sie weinen. Hier dürfen Sie es, da niemand Ihnen eine Fassungslosigkeit zu verzeihen hat.“
Und die feinnervige Frau fing mit allen Poren den süßen Schmerz ihres jungen Freundes auf und trank ihn, endlos geöffnet, in dürstender Schweigsamkeit. Sie zitterte leise vor rieselndem Wohlsein, und es war ein narkotischer Zauber, köstlich wie kein zweiter. Nie hatte ihr Liebe so gut getan, und sie ließ den Glühenden und Fiebernden über sich weinen, bis leise Lähmung über beide kam.
Halb in Zorn, halb in Hoffnung richtete sich Georg auf, als sie ganz still blieb. Schlief sie oder verstellte sie sich? O, wenn sie sich verstellte, dann war es ein Glück ohnegleichen. Angstvoll betrachtete er ihre durchscheinenden Lider und die wundervollen Wimpern. Zuckte sie nur einmal, so war sie wach.
Aber nein; Madame Dorette schlief. Süß und vertrauensvoll.
Da bettete er sich zu ihren Füßen wie ein Hund.
Am nächsten Morgen erlaubte sie ihm einen leisen, flüchtigen Kuß, und das war alles. Auch durfte er nie mehr zu ihr kommen. Er hatte sie das Gruseln gelehrt.
Nach dieser Lektion bemühte er sich, einen vollendeten Kavalier aus sich zu machen. Als nach einigen Tagen die liebe Sonne wieder so innig aus blauem Himmel lachte, als wäre sie froh, nun endlich wieder das wunderliche grüne Erdensternlein zu küssen, da erschien der Herr Baron Johann Georg von Hirschbach in gänzlich neuer Verfassung auf dem Blumenparterre vor dem Schlosse. Er war angetan wie des Königs feinster Hofmann und strahlte vor Seide schöner als ein Nußhäher im Brautkleid. Gottes allerblaueste Seidenstrümpfe, die himmelfarbigsten Culots und die gelbbrokatenste Weste der ganzen Schöpfung umschlossen ihn; er war frisiert wie ein Dauphin, und sein Frack warf nach allen Seiten die stolzen Lichter verschwendungsjubelreicher Goldtressen.
Alle Damen brachen in ein entzücktes „Ah!“ aus, und Dorette blieb lächelnd stehen und sah ihn an wie eine neue, allergnädigst begrüßte Bekanntschaft.
Die kleine Heloise wäre beinahe abermals in Tränen ausgebrochen. Zur Unzeit aber geriet Eliante, es war die mit dem perlenden Lachen, auf eine reizende Idee. Kein Mensch wußte, woher sie so schnell ihren Arbeitsbeutel hatte, aber sie wischte eilig mit ihrer Schere hervor und trennte dem Herrn Baron die schönste Tresse vom Rocksaum.
„Goldscharpie, Goldscharpie! Wie reizend!“ riefen alle jungen Damen durcheinander und stürzten sich auf Hans Georg. Ihre Reifröcke bogen sich aneinander und knickten, aber jede wollte die erste sein. Wie ein Gnadentum von heilwütigen Pilgern, so ward er am Kragen, an den Schultern, Schößen und Taschenklappen erfaßt und begeistert hin und her gezerrt. Die kleinen Scheren knippten behende, und in einem Hui war der Herr von Hirschbach tressenlos. Wie ein Flug Vöglein um einen Bussard waren sie herangezwitschert gekommen und wieder verflattert, — und kahl und gerupft stand der gute Deutsche da.