Dorette erstarrte. Über den Nachthimmel krochen die roten Brandwolken eilig dahin, und als Dorette den Aussichtspunkt erreichte, sah sie das Schloß unter gierigen, grellen Flammen stehen. Düster ragten noch die Dachbalken in die blendende, bewegliche Zackenkrone über dem Gemäuer hinein, und aus zahlreichen Fenstern brachen die wahnsinnig emporstrebenden Feuerfahnen.
Bis zu ihnen aber drang das Jubelgebrüll und das Gekreisch von Tausenden entfesselter Bauern und Weiber. Sie füllten das ganze Blumenparterre so dicht, in so zusammengedrängter Menge, daß Dorette zuerst glaubte, der ungeheure Raum vor dem Schlosse sei mit rosa Mohnblumen bepflanzt, bis sie erkannte, daß die zahllosen leuchtenden Halbkugeln Menschengesichter waren, die alle in die Glut starrten, wie in ein Weltenschauspiel.
So oft ein Dachsparren fiel, ging das ferne Gebrüll unten los, als würde ein Schotterkarren ausgeleert.
Georg lachte grimmig: „Da haben Sie die Natur, die plötzlich erwacht und auf ihre beiden Füße gesprungen ist. Da unten!
„Sie haben gewußt, daß diese Natur den Krieg, die Krankheit, den Haß und das Feuer, daß sie den Molch, die Otter, den Tiger und den Mörder schuf. Sie haben gewußt, daß die Menschen Schnaps brennen und im Schmutz leben. Sie sind im Wagen gesessen und fuhren an Häusern vorbei, deren Elend zum Himmel stank, und an den Betrunkenen des Straßengrabens, und Sie haben mit den Tugenden gerechnet? Sie?
„Da unten, da! In Brand und Rauch, in Schnapsdunst und Mordlust, da ist die enthüllte Natur!“
Der junge Deutsche war fast begeistert; er war mehr erhoben und von trunkener Erkenntnisfreude erfüllt als zornig.
Der armen Dorette aber graute entsetzlich. Sie hatte stets nur Schäferspiele gelesen, Shakespeare verachtet, und nun bat sie fassungslos: „Mein Lieber, schweigen Sie! Retten Sie mich, mein Teurer!“
Da mußte die arme Dorette auf weitem Umwege gegen Bergzabern durch die Waldnacht hasten, und dennoch stießen sie am nächsten Fahrweg auf entgegendrohendes Geschrei, auf Fackeln, auf einen Posten der Bauern; denn in der Nähe brannte schon wieder ein Schloß.
„Halt! Ein Förster? Ein Herrenhund? Erschlagt ihn!“