„Natur!“ sagte er und zuckte die Achseln.
Den ganzen Tag mußte sie mausestill sein, sich ängstigen und langweilen. Ein Glück, daß er sie zum Schlafen nötigte. Ohne Umstände zu machen, streckte er sich neben sie aus und schlief ihr ein Stück vor, wie ein Bauer. Da legte auch sie sich weinend ins Gras, schlief ein, und er erhob sich und wachte.
In der zweiten Nacht durchquerten sie die Ebene bei Hagenau und erreichten den Rhein gegenüber von Rastatt. Diesmal hatte er gewagt, in Sesenheim ein wenig warme Kost für sich und die arme Flüchtige zu bestellen; den Tag über verbrachten sie in den Auen des Rheins, wo Dorette bis zur Verzweiflung von den Stechmücken litt.
In der Nacht verübte dann Johann Georg seinen letzten Diebstahl. Er band einen Fischernachen los, zwang Dorette in das am Boden mit Wasser gefüllte Fahrzeug, stieß ab und biß sich zäh und langsam durch die ziehenden schluchzenden, eilig drängenden Wellen hindurch.
Dorette schwindelte vor Schwäche, Angst und Kälte. Sie war beleidigt, mißhandelt und gequält worden. Das sollte eine romantische Rettung sein? Nichts als widrige Kleinigkeiten: Hunger, Staub, Schweiß, schlechte Nahrung, Müdigkeit, Grobheiten, Stechmücken, nasse Schuhe, schmutzige Hände! Das einzige Artige war, daß er ihr am zweiten Tag im Felde scherzend das Haar in Zöpfe geflochten hatte; solche hatte sie noch nie getragen und so hatte sie ein bißchen gelacht, aber nur ein Augenblicklein lang. Dann hatte sie über die Sonne gescholten, die ihr den Teint verbrannte.
Und bei jeder Unritterlichkeit, bei Müdigkeit, Hunger, harten Eiern und schimmlichem Räucherfleisch, bei den Stechmücken, dem Schweiß, den nassen Schuhen und dem Schmutz an Händen und Haar hatte er gesagt: „Natur!“
Sogar als er den Kahn stahl: „Natur!“
„Das ist die abscheulichste Pointe, die ich im Leben hörte,“ rief sie zehnmal und zwanzigmal, aber ebensooft schwieg sie und seufzte. Dann lachte er und sagte: „Ich gebrauche mein Lieblingswort dennoch nicht so oft, als Sie das Ihre.“
„Das meine?“
„‚Man’. Hätten Sie das vergessen?“