Da weinte sie bitterlich. Ach, diese selige, befreite, göttliche Gesellschaft, welche ‚man’ sagte. Wohin war sie zerstoben?
Das Boot ritt wie ein Pferd gegen die Wellen an. Die Nacht war sternlos, der Rhein tintenschwarz und voll tückischer Wirbel.
„Und das ist Ihr besungener Rhein!“
„Natur.“
Endlich, endlich stieß das Boot ans Ufer. Georg trug die arme Dorette ans Land, und nun durften sie sich wieder am hellen Tage zeigen. Sie waren auf deutschem Boden, und in Rastatt wurde der Herr von Hirschbach, nach dem ersten drohenden Anruf des mißtrauischen Postens und nachdem er sich ausgewiesen, wahrhaftig aufgenommen wie ein deutscher Baron in der guten alten Zeit, und Dorette wie eine vornehme Emigrantin.
Der junge Hirschbach sorgte nun, daß sein armer Schützling alles bekam, was dessen Herz ersehnte. Ein herrliches Bett in einem gelb-tapetnen Zimmer, das hell war wie eine Ringelblume im Sonnenschein; Wasser, Seife, Parfüm, Toiletten, Schuhe, alles so gut und so schlecht man es eben in Deutschland hatte. Und lachend sah Dorette diese Nachahmungen an.
Sie war schon wieder getröstet.
Über den Rhein wollte sie nicht mehr zurück. In Frankreich drüben ging es wüst zu. Die Menschenrechte wurden sehr unangenehm ausgelegt, und der junge Hirschbach wagte viel, als er mit Briefen zum Straßburger Bankier reiste, um das Vermögen seiner Dame in Sicherheit zu bringen.
Da blieb denn die graziöse Gesellschaftsdame zum erstenmal in ihrem Leben allein und las die Zeitungen, die Georg ihr schicken ließ. Sie las von dem Kampf ums Dasein, von der Sünde des Reichtums und dem Elend der Welt. Sie las Krieg, Irrtum und Haß; sie las vom großen Aufstand des Volkes, von brüllenden, trunkenen Sturmrotten, von der Not einer Königsfamilie und dem blutberauschten Jubel der Sanskülotten, und ihr armes, schwaches Herz lag ohnmächtig da, wie ein kleiner Nestvogel bei Schloßensturm.
Ach, wie so plötzlich hatte sich die Welt um sie verändert!