21. Moderne Literatur
Die modernen vielbändigen Romane, die jetzt zu Modebüchern geworden sind, sind eine unerquickliche Lectüre. In chaotischen Massen sieht man die neue und bessere Form des Romans. In der Regel werden zahllose Fäden angeknüpft, und immer wieder von einer andern Seite her. Der Masse nach kommen wir auf den Standpunkt der alten Romane, wie „Clarissa“, zurück. Die Gesellschaft, in der man sich befindet, ist meistens schlecht. Widerwärtig ist die positive Besserwisserei dieser modernen Schriftsteller. Ihr System steht ihnen fest, Alles tadeln sie, Alles kennen sie besser, Fürsten und Völkern geben sie Rathschläge, vor allem will man charakteristisch schreiben, und dies führt zu sonderbaren Verirrungen.
Manche moderne Dichter, welche wirklich Talent haben, verderben es durch die Art der Anwendung. Sie haben beinahe alle eine Neigung zum Ferocen und Atrocen, die in ihren Dichtungen sich als ein wahrhaft diabolischer Zug ausspricht. Bei allen ist das frevelhafte Streben, das Göttliche zu sich herabzuziehen, sich ihm gleichzustellen, und mit ihm gewissermaßen zu fraternisiren. Auch bei den schriftstellernden und dichterischen Frauen findet sich dies. Einige von ihnen besitzen eine seltene Kraft, und man staunt, wie sie sich so weit von den Vorbedingungen ihres Geschlechts haben losmachen können. Neben vielem Unwahren, Verkehrten und Verbrannten gibt es doch auch manchen bedeutenden Zug, aber freilich auch viel Diabolisches. Der Eindruck dieser Dichtungen ist ein widerwärtiger und beleidigender. Das Vorbild solcher Frauen ist George Sand. Ueber manche neueste Dichtungen dieser Art muß man staunen; in ihnen wird ausgesprochen und durchgesetzt, was Männer in hunderten und aber hunderten von Büchern umsonst versucht haben. Unsicher flattern sie um die Flamme und versengen sich die Flügel; aber in diesen Producten ist der wahre Glutofen selbst. Auf jeden Fall ist diese ganze Richtung merkwürdig; es kommt hier eine bestimmte Gedankenreihe zum vollen Durchbruch, und darum muß man auch von solchen Büchern Notiz nehmen.
Die Barbarei unserer Zeit ist überhaupt groß, Sinn und Verständniß für die echte reine Kunstform ist verloren gegangen, nur das Massenhafte und Rohe gefällt. Die ältere Literatur lernt man erst durch wiederholtes Lesen kennen, die junge verliert dadurch, und wird zuletzt ganz unerträglich. Hier ist alles Prätension, und was schon längst besser gesagt worden ist, glauben die Verfasser zuerst auszusprechen. Dabei muß man doch noch die Nothwendigkeit der schlechten Literatur anerkennen. Sie wird gelesen, im Augenblicke gesucht, und sie geht im buchhändlerischen Sinne; sie macht daher dem Buchhändler Muth zu Unternehmungen. Ein gutes Buch findet selten einen Verleger, aber ein schlechtes gewiß; denn dort ist ein Risico, hier nicht. Entschließt sich der Buchhändler ein gutes Buch zu verlegen, so muß die schlechte Literatur den Ausfall decken. So wird sie zu einer trefflichen Düngmasse für die gute, die ohne sie am Ende überhaupt nicht zum Vorschein kommen würde.
Es ist mir schon früher die Erscheinung vorgekommen, daß man den Versuch gemacht hat, die Poesie nach dem christlichen Dogma zu messen und es in dieselbe einzuführen. Es waren anerkennenswerthe Talente, stille strebsame Charaktere, die von ihrer Ueberzeugung tief durchdrungen waren, und denen jede äußere Absicht fern lag. Sie standen isolirt und sind auf die Literatur ohne Wirkung geblieben. Oft habe ich über die Grundansicht dieser Richtung disputirt, habe sie mir aber trotz aller Versuche nicht anzueignen vermocht. Ich muß gestehen, daß mir manches völlig unklar geblieben ist. Ich habe religiös und praktisch durchaus nichts gegen solche Ansichten an sich, und will einem Jeden die Meinung, daß sein Christenthum das beste sei, gern lassen; aber eine rein persönliche Ueberzeugung dieser Art kann doch nicht in der Poesie herrschen sollen. Ergibt sich denn nicht aus der Poesie ihrer Natur nach die Religion von selbst? Ich kann es nicht billigen, wenn in einem Drama dieser Art menschlich edle und natürlich reine Charaktere untergehen müssen, weil sie keine Christen sind, und Schurken siegen, weil sie jenen das Christenthum bringen wollen. Die Heiden, die übrig bleiben, haben nun freilich das Christenthum, aber in welcher Weise! Kann es ihnen irgend etwas fruchten, wenn sie es aus den Händen von Bösewichtern bekommen? Es ist weder dichterisch noch dramatisch erlaubt, das Christenthum durch Schurken vertreten zu lassen, weil man seine siegreiche Gewalt zeigen will. Die ältern Franzosen argumentirten gerade umgekehrt; sie nahmen aus der Reinheit der Naturvölker und der Nichtswürdigkeit der Christen ihre Einwände gegen das Christenthum her. Und wird denn das Heilige durch eine solche Behandlung nicht am Ende selbst profanirt?
3. Fremde Literatur.
1. Die Alten
Die alte Welt, namentlich das Wesen der antiken Tragödie, ist mir erst spät aufgegangen, nachdem ich aus Göttingen nach Berlin zurückgekehrt war. Ich hatte mir als junger Mensch meine eigene Welt gebildet, die freilich der alten fern lag. Auch blieben mir die wiederholten allgemeinen Anpreisungen der antiken Größe und Kunst, die ich auf der Schule immer wieder hören mußte, unverständlich. So verstand ich die Grandiosität des Aeschylus damals gar nicht.
Am frühsten hat mich die „Odyssee“ entzückt, die ich schon als Knabe in meiner Weise las, und nicht genug lesen konnte. Ich habe sie immer für eins der wunderbarsten Erzeugnisse des dichtenden Geistes gehalten. Sie ist ein wahres Wunderwerk, wie es keine Literatur zum zweiten Male besitzt. Ich stelle sie auch bei weitem höher als die „Ilias“. Die höchste Kunst zeigt sich in den Episoden, und wahrhaft dichterisch offenbart sich die Welt des Wunders. Welch unerschöpflicher Reichthum des Lebens und der Bewegung ist nicht darin, welch eine Fülle der Gestalten und Situationen! Alles ist so anschaulich und voller Leben, und diese Kämpfe und Abenteuer spannen und interessiren uns. Es lebt darin ein reiner und tiefer Sinn für die Natur, und mächtig ergreifend ist die Schilderung ihrer Erscheinungen. Mit dem Gewaltigen, ja Furchtbaren verbindet sich dann auch das Rührende und Empfindungsvolle. Wie rührend ist es nicht, wenn Odysseus in sein Haus zurückkehrt, und der treue Hund ihn zuerst erkennt!
Am liebsten habe ich nachher den Euripides gelesen, den ich eine Zeit lang wol meinen Lieblingsdichter nennen konnte. Er steht der modernen Empfindungsweise näher als die andern. Man sagt seine Charaktere seien manierirt und rhetorisch. Das sind sie aber doch nicht überall, oft sind sie sogar trefflich, und stehen in der schönsten Weise zwischen Tragik und Humor lebensvoll in der Mitte, z. B. Hercules in der „Alceste“ und Pentheus in den „Bacchen“. Beides sind treffliche Stücke. Andere Charaktere haben wirklich etwas Zartes. Wie edel ist nicht „Iphigenia in Tauris“ gehalten! Auch der „Hippolytus“ ist ein gutes Stück. Wie in den Charakteren steht uns auch im Plan und in der Verwickelung seiner Tragödien Euripides näher. Die im Anfange immer wiederkehrenden Monologe sind als Exposition im Sinn und Charakter des Chors zu betrachten. Der Chor selbst erscheint freilich gesunken. In das verdammende Urtheil über Euripides, welches seit den Schlegel oft wiederholt worden ist, habe ich nie einstimmen können.