Man hat noch nicht genug Aufmerksamkeit darauf gewendet, wie sich die Idee des Göttlichen bei den griechischen Tragikern entwickelte. Seit Aeschylus hat sie sich in kurzer Zeit bedeutend verändert. Welcher titanenhafte Trotz gegen das Göttliche ist nicht bei diesem im „Prometheus“, an den man nur durch Schiller’s „Räuber“ wieder erinnert wird. Seinen Zeus stellt er widerwärtig, man könnte sagen fast bösartig dar; er schildert ihn mit einer directen Ironie. Welch ein gewaltiger Geist mußte es nicht sein, der es wagen konnte, die überlieferten Götter des Volkes so zu behandeln! Und dann wieder, wenn man mit dem „Prometheus“ die „Perser“ vergleicht, wie unendlich verschieden ist er nicht in beiden! Ganz anders zeigt sich gleich darauf Sophokles. Im „Oedipus auf Kolonos“ ist, den Fluch gegen den Sohn ausgenommen, Alles Versöhnung. Oedipus selbst erscheint versöhnt, gereinigt, großartig. Es ist in diesem Stücke eine Ahnung des Christlichen. Diese gibt sich beinahe überall in den Chören kund, wo in der heiligen Resignation die Versöhnung hervortritt. In Sophokles selbst lebt ein Geist, der dem Christenthume verwandt ist. Anders ist es mit Euripides, dessen Götter unleugbar viel tiefer stehen, und menschlichen Leidenschaften unterworfen sind.
Neulich habe ich wieder einmal den „Lucian“ gelesen. Ganz anders ist der Eindruck, den ich jetzt davon habe, als vor Jahren, wo ich ihn zuletzt las. Ich kann mit diesem Witze nicht mehr übereinstimmen. Ist es Scherz oder Ernst, man weiß es nicht. Er erscheint mir willkürlich, ohne festen Inhalt, bisweilen scurril. Lucian ist übersättigt. Ebenso ist mir Petronius zuwider, beide sind blasirt. Aber Niemand ist weniger für den Witz gemacht als der Blasirte, und doch drängen sich gerade diese auch heute dazu, als wenn sie allein dafür berufen wären. Die innere Zerrissenheit macht nicht den Witz; es gehört dazu ein in sich befriedigtes, ruhiges und heiteres Gemüth, aus diesem allein kann der wahre Witz kommen.
2. Dante
ist ein wahrhaft großer Dichter. Vieles in seiner „Hölle“ ist erhaben, gewaltig und bis zur Vernichtung erschütternd. Aber mich stört sein theologisches und philosophisches System, so tiefsinnig es auch sein mag, im Gedichte. Es stieß mich ab, wenn mich anderes ergriff. Ich kann sagen, Dante ist mir stets nah und fern zugleich gewesen.
3. Camoens
ziehe ich den großen italienischen epischen Dichtern vor; ich habe sein Gedicht immer mit hoher Bewunderung betrachtet. Mit Recht sind die Portugiesen auf dieses nationale Werk stolz. Niemals wieder in neuerer Zeit haben sich in einem epischen Gedichte wahre Poesie und Geschichte so verbunden. Es enthält zugleich in gewissem Sinne die Geschichte Portugals. Hier zeigt sich Camoens als hohen Meister in der Episode. Wie herrlich ist nicht z. B. die von der Ines de Castro.
4. Shakspeare
Shakspeare selbst war sich der ganzen Gewalt seines Genius gewiß nicht bewußt, und eben darum weil er still und absichtslos dichtete, weil er nicht anders konnte, war er so groß. Diese Unbefangenheit war seine Natur und Größe. Seine Entwickelung ist offenbar eine sehr normale gewesen; von schwächern Anfängen ist er zum Großartigen, ja zum Kolossalen fortgeschritten. Seine Zeitgenossen erkannten ihn schwerlich so, wie wir; er wird wol ehrenvoll genannt, aber ohne ihn wesentlich von Andern zu unterscheiden, deren Namen jetzt kaum noch bekannt sind. Wie bei ihm, so ist es überhaupt schwer zu sagen, wo in der Seele des Dichters die unmittelbare Begeisterung aufhört und das bewußte Schaffen anfängt. Aus eigener Erfahrung kann ich wol sagen, daß es für den Dichter selbst das Beste ist, nicht zu viel darüber zu grübeln; dies kann die Productionskraft nur schwächen.
Ich habe Shakspeare’s Stücke stets in zwei Classen getheilt, die wohl von einander zu scheiden sind, da der Dichter in beiden keineswegs in derselben Weise auftritt, nämlich in historische und mythische. Dort ist er episch breiter, er läßt sich mehr gehen und ist mitunter sogar gedehnt, was man in den übrigen Dramen nie findet. So zum Beispiel in den Heinrichen.