„Hamlet“ ist überhaupt eines der wunderbarsten Stücke, von einem nicht auszudenkenden Tiefsinn. Je mehr man es studirt und sich damit vertraut macht, je mehr findet man, daß der Dichter uns immer neue Räthsel aufgibt. Hamlet’s Charakter selbst ist das größte Räthsel. Die entgegengesetztesten Eigenschaften sind hier zu einem Ganzen verbunden. Gewiß ist er kein Held im gewöhnlichen Sinne des Worts, aber ebenso wenig nur reflectirt, oder nur melancholisch, oder nur edel, oder nur witzig und geistreich. Mit welcher schlauen und kalten Berechnung beseitigt er nicht Rosenkranz und Güldenstern, und über das Gelingen seiner List äußert er eine hämische Freude. In der nächtlichen Unterredung mit der Mutter erscheint er mitunter roh, und dann hat er wieder Augenblicke reinster menschlicher Weichheit und edler Erhebung.

Auch sein Wahnsinn ist schwer aufzufassen. Ist er durch die furchtbare Erscheinung des Vaters wirklich wahnsinnig geworden, oder ist es nur ein erheuchelter Wahnsinn? Es scheint beides, und der Gedanke, sich wahnsinnig zu stellen, scheint selbst schon die Folge eines gewissen Irrsinns zu sein. Höchst räthselhaft ist darum der Schluß des ersten Acts. Will Hamlet schon den Horatio glauben machen, er sei wirklich wahnsinnig? Weshalb die Wiederholung des Schwurs? Und warum wiederholt der Geist selbst jenen Zuruf: „Schwört“? Ganz verkehrt werden hier in der Regel Hamlet’s bekannte Worte: „Es gibt mehr Dinge zwischen Himmel und Erde“ u. s. w. verstanden. Man pflegt sie auf die Erscheinung des Geistes zu beziehen, aber wie ist das möglich? Wie kann Hamlet zu Horatio und seinen Gefährten so sprechen? Sie haben ja den Geist früher gesehen als er, und ihn davon erst benachrichtigt. Es ist eine Hindeutung auf das, was Hamlet durch den Geist erfahren hat, daß sein Vater wirklich durch Meuchelmord gefallen ist.

Auch der berühmte Monolog „Sein oder Nichtsein“ wird stets misverstanden. Man denkt an einen Selbstmord Hamlet’s. Aber nicht davon spricht er; welche Veranlassung hätte er auch jetzt, wo ihn Alles zum Handeln auffordert, sich das Leben zu nehmen? Es sind Betrachtungen, auf die ihn die That hinführt, die er vollziehen soll. An einen möglichen Verlust des Lebens denkt er, und grübelt wieder statt zu handeln. Auch in diesem Monolog ist Manches dunkel. Wie kann Hamlet von jenem unentdeckten Lande sprechen, von deß Bezirk kein Wanderer wiederkehrt? Ist ihm nicht der Geist seines Vaters wiedergekehrt, um ihm ein schweres Geheimniß zu entdecken? Und hat er ihm nicht Andeutungen seines Zustandes gemacht?

Der König ist übrigens nicht so elend, als Hamlet ihn darstellt. Er ist herrschsüchtig, sinnlich und schwelgerisch, aber nicht ohne Kraft. Seine Leidenschaften machen ihn endlich zum Verräther, Thronräuber und Brudermörder, und nun treiben ihn seine Verbrechen vorwärts. Seinem Charakter gemäß weiß er die Mittel zu wählen, und er weiß zu handeln. Er hat Entschlossenheit, und ist sogar nicht ohne eine gewisse Würde. Im Augenblicke der Gefahr tritt er Laertes und dem Rebellenhaufen allein entgegen, im Vertrauen auf das Uebergewicht der Majestät; und er beschwichtigt sie wirklich. Auch kann es ihm nicht an glänzenden und bestechenden Eigenschaften fehlen; wie konnte er sonst die Frau jenes Heldenkönigs verführen? Auch Laertes steht im Gegensatze zu Hamlet. Obgleich er tief unter diesem steht, und das Unglück seiner Familie durch den König unmittelbar gar nicht veranlaßt worden ist, so ist er doch gleich damit bei der Hand, eine Meuterei anzustiften. Hamlet, der das Recht auf seiner Seite hat, den das Unglück des Landes und eine wunderbare Mahnung zum Handeln auffordern, kann nicht dazu kommen.

Dem „Hamlet“ ist in gewissem Sinne der „Lear“ entgegengesetzt. Dort wirkt alles retardirend, immer wieder wird die Handlung von ihrem Ziele abgelenkt. Hier überstürzt sich Alles, und drängt mit fast wahnsinniger Hast zum Untergange hin. Lear erscheint schon gleich im Anfange schwachsinnig. Er mißt die Liebe seiner Töchter zu ihm nach den Versicherungen, die sie im Augenblicke vorzubringen wissen, und davon macht er die Theilung des Landes abhängig! Er verstößt Cordelia, weil sie eine solche Versicherung nicht geben will; und auch sie erscheint herbe, da sie sich lieber vertreiben läßt, als daß sie ihren schwachen Vater mit einem Worte zufriedenstellt. Endlich verdirbt Kent durch seine wohlgemeinte, aber unzeitige und übertriebene Hitze Alles, und mit ihm verstößt der König seinen einzigen treuen und kräftigen Rathgeber. Denn der Narr erkennt nur das aberwitzige Thun des Königs, aber er kann nicht helfen.

Auch Macbeth hat etwas von der Ironie. Es ist eine ursprünglich kräftige und edle Natur; so auch Lady Macbeth. Aber die Trugbilder ihres Ehrgeizes treiben sie zum Verbrechen, und als sie nun die Krone haben, sind sie ihr nicht gewachsen, und erliegen unter der Schwere ihres Frevels.

Im „Kaufmann von Venedig“ ist es eine Ironie, wenn die Gnade der Christen, die Shylock gewährt wird, sich darin äußert, daß man ihn zwingt, sich taufen zu lassen. So auch in „Was ihr wollt“, wo ein unbedeutender junger Mensch, wie Sebastian, ein glänzendes Glück macht und die vielumworbene Olivia heirathet, nur weil er mit seiner Schwester Aehnlichkeit hat. Das Alles ist ironisch, und so überall bei Shakspeare, man mag hingreifen wo man will. Das gibt seinen Charakteren eben das Anschauliche und Begreifliche, und dadurch sind sie wirkliche Menschen.

5. Ben Jonson

ist der gerade Gegensatz zu Shakspeare, und geht umgekehrt wie dieser zu Werke; er ist ein steifer und gelehrter Dichter. Shakspeare gibt uns wirkliche Menschen, Ben Jonson hat nur Typen, die zuletzt allegorisch werden, und jeden Zug des Menschlichen verlieren. Er ist witzig und scharf, er combinirt mit ungemeinem Verstande, und weiß alle Möglichkeiten zu erschöpfen. Hierin muß man ihn bewundern, und das habe ich stets gethan. Und doch hat er wieder etwas Gehässiges; er zieht zugleich an und stößt ab. Widerwärtig ist er in seinem „Poetaster“. Sein bestes Stück ist der „Volpone“, und dann „Epicoene“.

6. Alfieri