Endlich von Wackenroder’s Antheil am „Sternbald“ sagt Tieck in der erwähnten Nachschrift S. 374: „Nach jenem Buche (den ‚Herzensergießungen‘) hatten wir uns vorgenommen, die Geschichte eines Künstlers zu schreiben, und so entstand der Plan zu gegenwärtigem Roman. In einem gewissen Sinne gehört meinem Freunde ein Theil des Werks, ob ihn gleich seine Krankheit hinderte, die Stellen wirklich auszuarbeiten, die er übernommen hatte.“ Diese Erklärung ist so deutlich und entschieden, daß es unbegreiflich erscheint, wie sich trotz, oder gar in Folge derselben die Ansicht Geltung verschaffen konnte, der „Sternbald“ sei zum Theil Wackenroder’s Werk, oder dieser sei in der That der Dichter und Tieck nur der Herausgeber. Weil er mit gewissenhafter Pietät den Antheil des Freundes an der Dichtung wahren wollte, machte man ihm sein eigenes Recht streitig. Weil er gesagt hatte, in einem gewissen Sinne gehöre seinem Freunde ein Theil des Werks an, meinte man es ihm selbst ganz absprechen, oder sonderbar genug, behaupten zu können, mindestens der erste Theil des Romans rühre von Wackenroder her. Dies wollte schon der kritische Recensent in der „Jenaischen Literaturzeitung“, 1799, Nr. 71, herausgefunden haben, der zwischen dem ersten und zweiten Theil einen Unterschied erkannte, der auf zwei verschiedene Verfasser deute!
Zu diesen Misverständnissen mochte vielleicht auch der Titel beigetragen haben, den Tieck gewählt hatte: „Eine altdeutsche Geschichte, herausgegeben von Ludwig Tieck.“ Wenn er sich nur als Herausgeber nannte, so war das eine Maske, welche in dem Charakter der Dichtung ihre vollständige Erklärung fand, und nach dem Vorgange des „Klosterbruders“ keinen Leser hätte irreführen sollen. Etwas ganz anderes war es, wenn Tieck auch die „Phantasien über die Kunst“ als von ihm herausgegeben bezeichnete. Indem er dem Publicum den Nachlaß seines Freundes übergab, hatte er in der That das Geschäft eines Herausgebers übernommen. Aber er bekannte sich auch dazu, und unterschied in der Vorrede ausdrücklich, was ihm und was seinem Freunde angehörte. Freilich fehlt es auch sonst in unserer neuern Literatur nicht an Beispielen einer übersichtigen Kritik, welche die einfachsten Fäden zum Knoten schlingt, um sich hinterher rühmen zu können, einen Knäuel scharfsinnig und geschickt entwirrt zu haben. Hat man doch auf ähnliche Gründe hin Lessing die Autorschaft der „Erziehung des Menschengeschlechts“ absprechen wollen!
Daß sich diesen Ansichten über den „Sternbald“ ein gewisses Uebelwollen gegen den Dichter beimischte, geht unter Anderm auch aus einem Gespräche Jean Paul’s mit Varnhagen über Tieck hervor, in den „Denkwürdigkeiten“, III, 79. Das Bedürfniß eines überreichen Geistes, sich mitzutheilen, und die Sorglosigkeit, mit der es geschah, rief den Gedanken hervor, Tieck wolle sich fremdes Gut aneignen. Sein Reichthum mußte es sein, der ihm den Vorwurf der Armuth zuzog! Nachdem diese irrigen Vorstellungen auch in die Literaturgeschichten Eingang gefunden hatten, sah Tieck sich genöthigt, fünfundvierzig Jahre später in einer Nachschrift zur zweiten Ausgabe des „Sternbald“ zu wiederholen, was er schon in der ersten deutlich genug gesagt hatte: „Es (das Buch) rührt ganz, wie es da ist, von mir her, obgleich ‚Der Klosterbruder‘ hier und da anklingt. Mein Freund ward schon tödtlich krank, als ich daran arbeitete“ („Schriften“, XVI, am Ende).
Aber ebenso wenig hat Tieck jemals den Einfluß in Abrede gestellt, welchen Wackenroder auf seine damalige Dichtweise ausgeübt habe. In der oft erwähnten ältern Nachschrift zum „Sternbald“ sagt er ferner S. 373: „Die meisten Gespräche, die ich seit mehreren Jahren mit meinem nun verstorbenen Freunde Wackenroder führte, betrafen die Kunst; wir waren in unsern Empfindungen einig, und wurden nicht müde, unsere Gedanken darüber gegenseitig zu wiederholen. — Mein Freund suchte in diesem Buche (d. h. in den ‚Herzensergießungen‘) unsere Gedanken und seine innige Kunstliebe niederzulegen.“ Und in der Vorrede zu den „Phantasien“ heißt es S. III: „Alle diese Vorstellungen sind in Gesprächen mit meinem Freunde entstanden, und wir hatten beschlossen, aus den einzelnen Aufsätzen gewissermaßen ein Ganzes zu bilden.“
Wackenroder’s dichterisches Talent ist übrigens groß genug, und seine Stellung in der Literatur in ihren Folgen so bedeutend, daß ein näheres Eingehen auf einige vergessene Spuren seiner schriftstellerischen Thätigkeit nicht ganz uninteressant erscheinen wird. In der Vorrede zu den „Phantasien“ sagt Tieck: „Einen unvollendeten Aufsatz meines Freundes über Rubens habe ich zurückgelassen, sowie eine Cantate, mit der er selber unzufrieden war.“ Ob außer diesen Arbeiten Wackenroder’s noch Anderes in seinem dichterischen Nachlasse gewesen, wohin dieser gekommen sei, wird sich jetzt schwerlich ermitteln lassen, zumal da sich auch in Tieck’s Nachlaß nicht die geringste Andeutung darüber findet. Daß er der Uebersetzer des Romans „Kloster Netley“ (Berlin 1796 im neunten Bande der ersten unechten Ausgabe von Tieck’s Werken) sei, ist bereits oben gesagt worden. Eine kleine Abhandlung über Hans Sachs, die wol in Göttingen verfaßt ist, hat von der Hagen aus einem erhaltenen Reste von Wackenroder’s handschriftlichen Sammlungen für die altdeutsche Literatur im „Neuen Jahrbuch der Berlinischen Gesellschaft für deutsche Sprache“ (I, 291) herausgegeben. Endlich lassen sich einige Gedichte nachweisen. Eines: „Auf hoher Felsenkante“ u. s. w., ist im Texte erwähnt. Es findet sich „Straußfedern“ (VI, 120) und Tieck’s „Schriften“ (XV, 230); ein zweites ist handschriftlich in dem Briefwechsel Tieck’s und Wackenroder’s erhalten; ein drittes aus dem Nachlasse des Dichters steht in Bothe’s „Frühlingsalmanach“ für 1805, S. 1. Es sind durchaus untergeordnete Producte eines Anfängers, in denen man den kunstsinnigen Klosterbruder nicht wiedererkennt. Somit möchten die Briefe Wackenroder’s an Tieck, in denen sich sein einfacher Sinn in vollster Unbefangenheit ausspricht, nächst den „Herzensergießungen“ das bedeutendste noch vorhandene Denkmal seines kurzen Lebens sein.
[S. 227.] Sechs Stunden aus Fink’s Leben im „Berlinischen Archiv der Zeit“, 1796, I, 354; dann in den „Bambocciaden“, I, 137.
[S. 227.] Ueber Ernst Winter’s (Bernhardi’s) Roman „Die Unsichtbaren“ (2 Bde., Halle 1794) vgl. „Neue allgemeine deutsche Bibliothek“, XIII, 384.
[S. 231.] Schlegel’s Kritik von Tieck’s Bearbeitung des „Sturm“ siehe in der „Jenaischen allgemeinen Literaturzeitung“, 1797, Nr. 75, und Schlegel’s „Sämmtliche Werke“, XI, 14; des „Blaubart“ und des „Gestiefelten Katers“ „Jenaische allgemeine Literaturzeitung“, 1797, Nr. 333, „Werke“, XI, 136; der „Volksmärchen“ „Athenäum“, 1798, I, 167, „Werke“, XII, 27.
[S. 250.] Andeutungen über das Leben in Jena in den Jahren 1799 und 1800 finden sich in Friedrich Schlegel’s Briefen an Fichte in „Fichte’s Leben und literarischer Briefwechsel“, II, 342, 344. Die Skizze in Brentano’s Roman „Godwi, oder das steinerne Bild der Mutter“, den er unter dem Namen „Maria“ 1801 herausgab, II, 436, ist nach „Brentano’s gesammelte Schriften“ VIII, 18 von dessen Freunde A. Winkelmann. Nach VIII, 51 ebend. schrieb Brentano die Philistergeschichte 1811; was er damals in Jena vorlas, war also wol ein frühester Entwurf. Vgl. ferner „Heinrich Eberhard Gottlob Paulus und seine Zeit, von v. Reichlin Meldegg“, II, 313 fg., und die kürzlich erschienene Schrift „Aus dem Leben von Johann Diederich Gries, nach seinen eigenen und den Briefen seiner Zeitgenossen“, S. 37, 39 fg.