Eng verbunden mit ihm war Jean Paul, der sich ebenfalls in Weimar aufhielt. Die Schriften des humoristischen und sonderbaren Dichters hatte Tieck bereits vor Jahren kennen gelernt, als er mit Wackenroder einige Tage in Braunschweig war. Zufällig fand er damals bei einem Bücherhändler die „Unsichtbare Loge“. Der von allem Bekannten abweichende Ton bestimmte ihn, das Buch mit sich zu nehmen. Er begann Wackenroder daraus vorzulesen, bei dem es aber nur eine kühle Aufnahme fand. Noch übler erging es Jean Paul’s ersten Schriften bei den berliner Kunstrichtern, denen solche humoristische Sprünge gar nicht behagen wollten. Auch für ihn hatte Tieck manche Lanze zu brechen, und die aufgeklärten Gegner unterließen nicht ihm auch die Anerkennung Jean Paul’s zum Verbrechen zu machen. Indeß war diese Verehrung nicht so unbedingt, daß er die Schwächen, ja Unbegreiflichkeiten mancher Dichtungen hätte übersehen sollen. Vieles erklärte sich ihm jetzt erst aus der Persönlichkeit des Dichters. Mit tiefem Humor und Gefühl verbanden sich Laune und grillenhaftes Wesen, das an eine Kindernatur erinnerte, und oft in den bizarrsten und sonderbarsten Aeußerungen zum Vorschein kam.

Merkwürdig wiederholte sich mit Jean Paul eine Scene, wie sie Tieck früher mit Nicolai gehabt hatte. Unter den Volksmärchen stellte er den „Blonden Ekbert“ allen andern voran. Er sprach seine volle Bewunderung aus, und schloß endlich mit der Frage: „Gestehen Sie es nur, wo haben Sie die Geschichte her?“ Auf Tieck’s Versicherung, er habe sie erfunden, antwortete er: „Nein, nein! Sagen Sie was Sie wollen! Dergleichen erfindet sich nicht! Das muß schon vorher dagewesen sein!“

Unter so verschiedenartigen Anregungen steigerte sich Tieck’s eigene Dichterlust, und nach allen Seiten hin erwies er sich thätig. „Zerbino“ und „Genoveva“ waren zum Abschluß gekommen, der „Treue Eckart“ und der „Tannhäuser“ wie „Melusine“ reihten sich im Tone der Volksmärchen an. Diese Dichtungen erschienen bei Frommann als „Romantische Dichtungen“, ein Titel, der mit vollster Unbefangenheit gewählt, bald allgemeine Bedeutung als literarischer Parteiname erhalten sollte. Eine neue oder gar höhere Art der Poesie damit bezeichnen zu wollen, war seine Absicht nicht im mindesten. Höchstens wollte er andeuten, daß der Leser in die entgegengesetztesten Regionen des Gefühls, der Leidenschaft, der Phantasiewelt in raschem Wechsel eingeführt werden solle. Daneben gab er ein poetisches Journal heraus, dessen Aufgabe sein sollte, in die ältere englische und spanische Literatur einzuführen. Dafür übersetzte er Ben Jonson’s „Epicöne“, nahm in den Briefen über Shakspeare die Kritik über den Dichter wieder auf, und gab eine Anzahl von kleinern Beiträgen.

Tieck stand in der Mitte geistvoller, strebender und theilnehmender Freunde, der Schöpfer einer glänzenden Welt der Poesie und Phantasie, reich an Gedanken und Gefühlen, an Hoffnungen und Entwürfen. Siebenundzwanzig Jahre alt, war er bereits ein anerkannter Dichter. In die Reihe der edelsten Geister des Volkes war er eingetreten, und von ihnen als ebenbürtig anerkannt. Die kühnsten Träume seiner Jugend waren zur Wirklichkeit geworden, der Genius hatte den Jüngling bereits auf die Höhen des Lebens geführt. Er stand auf jenem Gipfel, zu dem er früher sehnsüchtig hinaufgeschaut hatte. Es war die Fülle geistiger und sinnlicher Kraft, in der er lebte, noch wirkte Alles zusammen, um ein Dasein zu schaffen, wie es dem Menschen nur in erhöhten Augenblicken verstattet ist. Mit diesem Gefühl blickte er später auf die schöne Zeit in Jena zurück. Aber schon gingen diese sonnenhellen Tage vorüber; in den Frühling wehte ein rauher Herbstwind hinein, und künftige lange und schwere Leiden kündeten sich an.

Tieck war gewohnt auf seine Gesundheit und die volle Stärke seines Körpers sich zu verlassen. Noch in Jena hatte er die alten ritterlichen Künste geübt, und durch Gewandtheit und Unerschrockenheit die Freunde zu Zeiten überrascht. Als er einst mit Schlegel und Schelling in der Nähe von Jena einen Spazierritt machte, führte er sein Pferd über einen Balken, der als Steg über einen zwar trockenen, aber doch mehrere Fuß tiefen Graben gelegt war. Mitten auf dem schmalen Pfade scheute das Thier, und er stürzte mit demselben bügellos in den Graben hinab. Seine Begleiter glaubten ihn verunglückt, aber lachend erhob er sich, klopfte den Staub von den Kleidern, und saß im nächsten Augenblicke wieder im Sattel.

Rastlose geistige Arbeit und Nachtwachen wechselten bei ihm mit starken Körperanstrengungen. Als Knabe und Jüngling hatte er sich Stunden lang dem Sturm und Regen preisgegeben, und die Nächte unter freiem Himmel zugebracht; schon damals mochte seine Gesundheit gelitten haben. In der letzten Zeit begannen rheumatische Schmerzen ihn zu quälen. Da fühlte er sich eines Tages heiterer und freier als je. So leicht, so aufgelegt zu Humor und Dichtung war er lange nicht gewesen. Es war als wenn Jugendkraft und Gesundheit mit diesem letzten erfrischenden Hauche hätten auf immer von ihm Abschied nehmen wollen. Tages darauf erkrankte er ernstlich. Die rheumatischen Schmerzen zeigten sich als ausgebildete Gicht im Knie. Eine langwierige Cur begann; er blieb auf sein Zimmer beschränkt, nur mit Mühe und Schmerzen vermochte er zu gehen. Schwäche und Abspannung machten das Arbeiten auf längere Zeit unmöglich.

Als der Frühling kam, erholte er sich allmälig. Er brachte ihm mit den warmen Lüften Schmerzensfreiheit und Arbeitslust wieder. Ein Ausdruck der wiederkehrenden Heiterkeit war die Tragödie „Rothkäppchen“ und das Märchen „Melusine“. Neu belebt durch den ersten vollen Sonnenschein schrieb er sie, in einer blühenden Laube sitzend, im Frühling des Jahres 1800.

Endlich schied er von den Freunden; es war zu Ende des Monats Juli. Er ging nach Hamburg, dann nach Berlin, die Angehörigen seiner Frau wie seine eigenen wiederzusehen.

In Hamburg fand er Veranlassung zu einem letzten großen Gedichte, welches die Reihe mystischer Poesien abschloß. Auf dem Wege nach einem Vergnügungsorte an der Elbe, wo sich eine Gesellschaft versammeln sollte, fand er in einem Bücherkram an der Straße das Volksbuch vom Kaiser Octavianus. Er kannte es noch nicht, und die Freunde erwartend, las er es sogleich durch im Angesichte des heitern Flusses, in der herrlichsten Sommerluft. Es war ein reiner und voller Zug, den er that. Schon während des Lesens erhob sich ihm der Gedanke, diesen bunten Stoff dramatisch zu bearbeiten; klar und deutlich traten ihm die einzelnen Gestalten entgegen. Mit Vorliebe und planvoller Ueberlegung ging er an das Werk. Im Jahre 1801 hatte er den ersten Theil, gegen Ende des Jahres 1802 das Ganze beendet. Noch wirkten die Vorbilder der spanischen Poesie. Sie zeigten sich in dem Inhalte, wie in der freien Behandlung der Form, die neben dem Dramatischen auch Lyrisches und Episches in reichem Maße enthielt. Wieder trat die christliche Welt der heidnischen entgegen. Das siegreich fromme Dulden und die Leidenschaft, der Glaube und die Naturgewalt, das Wunder der Legende und der Zauber des Märchens standen einander gegenüber. In dem allegorischen Vorspiele erschienen die Mächte, welche diese Welt bewegten. Der Glaube und die Liebe, der Scherz und die Tapferkeit, und in ihrer Mitte die Romanze.

Noch einmal erfüllte sie das Herz ihres Dichters mit trunkener Begeisterung, und eine versunkene Welt beschwor er herauf mit dem geheimnißvollen und mächtigen Rufe: