England, Frankreich und Spanien bis zum Aufstande der Kolonien. Wenn man in England mit Recht über die Ergebnisse des Pariser Friedens (vgl. Seite [127]) mißgestimmt war, so hatte man doch in Frankreich noch mehr Grund, mit dem Ausgange des letzten Krieges unzufrieden zu sein. Englands Gewinn entsprach nahezu dem Verluste Frankreichs und dieses mußte die Einbuße Spaniens, die Abtretung Floridas an den Sieger, auch noch durch Überlassung Louisianas an seinen Verbündeten wettmachen. Der Ingrimm über die erlittenen Niederlagen trat hinzu, um in Frankreich den Gedanken an Wiedervergeltung in der Zukunft wachzuerhalten. Der Herzog von Choiseul arbeitete auf dieses Ziel hin, solange er am Ruder blieb. Er verstärkte die Streitmacht zu Wasser wie zu Lande und pflegte das Bündnis mit Spanien (der Bourbonische Familienvertrag von 1761; vgl. Seite [119]), das auch diesem Staat durch die Familienbande zwischen den Herrscherhäusern wie durch die Furcht vor Englands Seemacht nahelag; hierzu trat der Haß wegen alter wie neuer Verluste an England — Jamaika, Gibraltar, Minorca, Florida. Für den letzten Krieg war das Bündnis zu spät gekommen, aber bei rechtzeitiger Vorbereitung versprach es Erfolg. Den beiden benachbarten Königreichen mit ihren vorzüglichen Kräften mußte es gelingen, gemeinsam eine Seemacht aufzustellen, die der englischen gewachsen war; vielleicht fanden dann auch schwächere Seestaaten den Mut, sich gegen die Seeherrschaft Englands aufzulehnen.

Nur die ungünstigen inneren Verhältnisse Englands bedingten es, daß dem Siebenjährigen Kriege nicht sehr bald ein neuer Seekrieg mit den alten Gegnern folgte. Französische Geschichtschreiber behaupten, England habe den Ausbruch des genannten Krieges beschleunigt, um den Ausbau der französischen Marine zu verhindern. Der gleiche Grund lag jetzt vor und um so schwerwiegender, da man in England wußte, daß Frankreich und Spanien entschlossen seien loszuschlagen, sobald man sich stark genug fühle und eine günstige Gelegenheit sich biete. Auch hat es für England nicht an Anlässen gefehlt. Solchen bot zunächst die Erwerbung Corsicas durch Frankreich, dessen maritime Stellung im Mittelmeer dadurch sehr gestärkt wurde.

Corsica von Frankreich erworben. Die kriegerischen Corsen waren, auf die Unzugänglichkeit ihrer Gebirge trotzend, schon seit 1730 gegen die aussaugende Herrschaft Genuas im Aufstande, der nicht ohne kaiserliche oder französische Hilfe und dann immer nur auf kurze Zeit niedergeworfen werden konnte. Müde der vergeblichen Kämpfe, trat endlich die Republik im Vertrage vom Compiègne 1768 Corsica förmlich an Frankreich ab; um Österreich und England gegenüber diese Gebietserweiterung Frankreichs zu verschleiern, erfolgte sie in Form eines Unterpfandes für aufgewandte Kriegskosten. Frankreich unterwarf dann mit 30000 Mann in kurzer Zeit die Insel. Pasquale Paoli, der tapfere Führer der Aufständischen, mußte 1769 nach England fliehen, wo er begeistert aufgenommen wurde und von der Regierung eine Pension erhielt.

Wohl wies u. a. Burke auf die hierdurch für England geschaffene Gefahr hin, und der Admiral Sir Charles Sounders erklärte im Unterhause, es wäre besser, Frankreich den Krieg zu erklären, als ihm Corsica zu überlassen. Die Regierung führte auch anfangs eine geharnischte Sprache, verschleppte aber dann die Sache, bis Frankreich im sicheren Besitz war. Die Aufhebung einer englischen Niederlassung auf den Falklandinseln hätte noch leichter Anlaß zum Kriege geben können.

Englisch-spanischer Streit um die Falklandinseln. 1764 hatten die Franzosen durch den Weltumsegler Bougainville auf diesen Inseln eine Kolonie Port Louis gegründet, die Engländer folgten 1766 mit der Niederlassung Port Egmont. Gegen beide erhob Spanien Einspruch, und Frankreich holte seine Kolonisten wieder ab, die Engländer wurden mit Gewalt vertrieben. Die Spanier verlangten von dem englischen[213] Befehlshaber dort die Räumung der Ansiedlung innerhalb von sechs Monaten und erzwangen diese, ehe noch Weisung von London ergangen war, im Juni 1770 mit fünf Fregatten und 1600 Mann; die schwache Garnison, die keinen Widerstand hatte leisten können, ward nach England geschickt.

Dieser Gewaltakt erregte die öffentliche Meinung in England heftig, während der corsicanische Zwischenfall mehr nur die Staatsmänner beschäftigt hatte. Choiseul und die spanischen Minister erwarteten und erhofften eine Kriegserklärung, da sie sich schon stark genug glaubten. England rüstete auch eine Flotte von 40 Linienschiffen, zeigte sich aber doch mit einer leichten Genugtuung zufrieden. König Karl III. mochte zwar anfangs nicht nachgeben, aber Ludwig XV. wollte keinen Krieg, und Choiseul, dessen Stellung durch die Freunde der Dubarry schon erschüttert war, wurde im Dezember 1770 gestürzt. Sein Nachfolger, der Herzog d'Aiguillon[114] — der „Held von St. Cas“ (vgl. Seite [146]) —, der nur den Willen des Königs ausführte, wurde schnell mit Lord North einig, und England gab Port Egmont als zu kostspielig freiwillig auf.

Die Schwäche der englischen Politik, die sich bei beiden Gelegenheiten offenbarte, war eine Folge der inneren Zwistigkeiten in England, die ja auch den übereilten Frieden von Paris verschuldet hatten. König Georg III. strebte seit seiner Thronbesteigung (25. Oktober 1760) danach, eine selbständige, persönliche Politik zu führen, besaß aber weder die Geistes- noch die Charaktereigenschaften dazu. Er wollte die Macht der Krone erweitern und das Parlament in ihr gefügiges Werkzeug verwandeln; Männer von festem Charakter waren ihm zuwider, jede republikanische Gesinnung verhaßt. Er verdrängte den tatkräftigen Pitt durch seinen Günstling Lord Bute, der ihm ein gefügiges Werkzeug war. Dieser mußte zwar gleich nach dem mißliebigen Friedensschlusse wieder zurücktreten, aber das System blieb dasselbe.

Viele dem Volke mißliebige Regierungsmaßregeln, so auch das schroffe Vorgehen gegen die amerikanischen Kolonien, sind auf des Königs persönliche Anregung zurückzuführen. Seiner inneren Politik folgte eine Auflösung aller Parteiverhältnisse und statt fester langjähriger Ministerregierungen wie bisher, fand ein ununterbrochener Wechsel statt; erst Lord North blieb von 1770 an 12 Jahre im Amte. Immer lauter erscholl im Lande der Ruf nach einer Reform der Volksvertretung, immer heftiger wurden Regierung und Parlament angegriffen und gleichzeitig spitzte sich der Streit mit den Kolonien immer mehr zu.

Die englische Regierung war unter diesen Umständen weder kampflustig noch fühlte sie sich kriegsbereit, und auch in Frankreich erlosch die Kriegsneigung nach dem Falle Choiseuls bis zum Tode Ludwigs XV.; die unfähige Regierung hatte auch hier genug mit den inneren Verhältnissen zu tun. Doch ist es von Wichtigkeit, Choiseuls Pläne gegen England kennen zu lernen, da man späterhin mehrfach auf sie zurückkam.

Choiseuls Pläne gegen England. Choiseul suchte nicht nur die Streitmittel Frankreichs und Spaniens für die nächste günstige Gelegenheit zur Abrechnung mit England bereitzustellen, sondern traf auch sonst alle Maßnahmen für den Krieg. Da er Streitigkeiten Englands mit seinen Kolonien voraussah, sandte er 1764 und 1766 einen Seeoffizier nach Nordamerika, um die Küstenverhältnisse zu erforschen, sowie 1767 den Baron von Kalb, den späteren amerikanischen General und Freund Lafayettes, um sich über die Stimmung in den Kolonien zu unterrichten.