Vor allem aber ließ er Pläne für einen Einfall in England entwerfen. Man findet in Lacour (I, Seite 416 ff.) verschiedene derselben, von denen besonders zwei bemerkenswert sind. Auch nach England waren Offiziere zur Untersuchung geeigneter Landungsplätze geschickt. Einer dieser, ein Landoffizier de Berille, schlug nun vor, Spanien solle für sich Demonstrationen oder Diversionen unternehmen, um die Nachteile gemeinsamer Operationen auszuschalten, Frankreich aber an vier Stellen — Lime, Dartmouth, Fowey und Looe — landen und auf Bristol marschieren, um diesen wichtigen Handelsplatz zu nehmen, dann würde London vom Könige und Parlament den Friedensschluß verlangen. Die Expedition solle von den kleinen Häfen der Bretagne ausgehen und auf Fischerfahrzeugen in einer der langen Nächte gegen Ende des Winters, „plötzlich und heimlich wie Schmuggler“ übergeführt werden, wenn ein Sturm die englische Flotte vertrieben habe.
Auch Choiseul selber entwarf einen Plan mit genauer Verteilung der französischen Flotte, die dazu bis 1770 auf 80 Linienschiffe und 40 Fregatten zu bringen sei; Spanien sollte 20 Linienschiffe dazu stellen und gleichzeitig Portugal erobern. Ein ähnlicher Plan, und zwar der bemerkenswerteste, stammte vom Graf Broglie, dem Bruder des berühmten Marschalls. Wie Ludwig XV. sich ihm allein bekannte Agenten im Auslande hielt — man sagt, nur um das Vergnügen zu haben, besser unterrichtet zu sein als seine Minister —, so hatte er auch Broglie heimlich mit der Aufstellung eines Planes betraut und einen Ingenieuroffizier nach England gesandt, der die Mündung der Themse sowie die Häfen, Arsenale und die Marschwege nach London von der Küste von Cornwallis an erkundete.
Nach Broglies Entwurf sollte Spanien Jamaika und Nordamerika mit einer Flotte bedrohen, mit einer andern Irland und gleichzeitig Gibraltar angreifen, während Frankreich Seestreitkräfte von Toulon gegen Minorca und Ostindien, von Brest gegen Schottland zu senden habe. Es waren dies aber nur Diversionen. Zum Hauptangriff sollte das Gros der Brestflotte 60000 Mann über den Kanal führen und sie zwischen Dungeness und Beachyhead landen; der Marsch gegen London war tagweise festgelegt. Broglie arbeitete den Plan 1763–1766 aus, legte ihn aber 1768 mit Genehmigung des Königs Choiseul vor, wohl aus Furcht vor dessen Zorn und auch, um nicht nur zum Vergnügen des Königs gearbeitet zu haben. Choiseul billigte ihn, er wurde auch 1777 Ludwig XVI. unterbreitet, und endlich nahm Napoleon I. Kenntnis von ihm.
Eingehende Tabellen über die nötigen Streitkräfte und Transportmittel, sowie über die Maßregeln, die England voraussichtlich zur Abwehr ergreifen müsse, waren aufgestellt; wir geben einige Auszüge aus ihnen[115].
| Frankreich sollte stellen: | England brauche dagegen | |||||||||||||
| für | den Einfall | 40 | Liniensch., | 20 | Freg., | 60000 | Mann | 45 | Liniensch., | 25 | Freg., | 40000 | Mann | |
| „ | Schottland | 6 | „ | 800 | „ | 6 | „ | 5–6000 | „ | |||||
| „ | Minorca | 10 | „ | 10 | „ | 15000 | „ | 15 | „ | 4500 | „ | |||
| „ | Ostindien | (dieselben Schiffe) | 1500 | „ | 10 | „ | ||||||||
| Insgesamt | 50 | Liniensch., | 36 | 36 Freg., | 77300 | Mann. | ||||||||
| Spanien: | ||||||||||||||
| Gegen | Gibraltar | 12 | Liniensch., | 8 | Freg., | 20000 | Mann | d. v. Minorca | einige | 4000 | Mann | |||
| „ | Westind. | 15 | „ | 10 | „ | 12000 | „ | 20 | 8000 | „ | ||||
| „ | Irland | 15 | „ | 20 | „ | 15000 | „ | 15 | 10000 | „ | ||||
| Insgesamt | 42 | Liniensch., | 28 | Freg., | 47000 | Mann | 101 | 72000 | Mann | |||||
Die Truppen für den Einfall in England — 54000 Mann Infanterie, 3000 Kavallerie, 3000 technische Waffen, eingeteilt in vier Divisionen — sollten in Dünkirchen, Calais, Boulogne auf 130 Transportern eingeschifft werden, in Dieppe und Havre auf 200, in Honfleur und Cherbourg auf 110, in St. Malo und Morlaix auf 150 solchen. Die Brestflotte, 40 Linienschiffe, hatte die englischen Seestreitkräfte in den heimischen Gewässern, die mit Sicherung der ganzen Küste betraut und nicht vereint sein würden, zu schlagen, um den Weg freizumachen.
Es ist bemerkenswert, daß bei Ausbruch des Krieges 1778 in Frankreich wie in Spanien das in diesem Plane verlangte Schiffsmaterial reichlich vorhanden und daß auch die Stärke der englischen Marine richtig eingeschätzt war. Wir werden dies aus den späteren Betrachtungen der Streitmittel der Gegner in diesem Kriege ersehen.
Die Entstehung des Seekrieges zwischen Frankreich, Spanien, Holland und England. Als Ludwig XVI. die Regierung antrat, näherten sich die Unruhen in Nordamerika ihrem Höhepunkt. Der drohende Bruch zwischen England und seinen Kolonien schien für Frankreich eine günstige Gelegenheit, die erlittenen Verluste wettzumachen, und der Minister des Äußern unter dem neuen König, Graf von Vergennes, der letzte tüchtige Staatsmann des alten Regimes, war bereit, sie auszunützen. Er stützte sich dabei auf weite Kreise des Volkes. Die französische Jugend der höheren und höchsten Stände brannte darauf, die militärische Ehre des Landes wiederherzustellen, und die sogenannte „aufgeklärte Gesellschaft“, begeistert für die Gedanken Montesquieus und Rousseaus, hegte die wärmste Teilnahme für die demokratischen Amerikaner. Die Erhebung der Kolonien 1775 erregte in Frankreich großen Jubel, und die geheimen Bemühungen der Amerikaner um Frankreichs Hilfe hatten Erfolg, wenn auch zunächst nicht offensichtlich.