Vergennes neigte zwar schon Anfang 1776 zur erklärten Parteinahme gegen England, aber der Finanzminister Turgot, mit durchgreifenden Reformen in seinem Ressort beschäftigt, riet zum Abwarten. Er scheute die Kosten, solange der Erfolg nicht ganz sicher schien, und äußerte die Ansicht, daß schon der Kampf Englands mit seinen Kolonien Frankreich Vorteile bringen würde. Er empfahl Beobachtung der Vorgänge in Großbritannien und Nordamerika, weitere Stärkung der Marine, sowie Vorbereitungen für einen Einfall in England und vorsichtige Unterstützung der Amerikaner mit Kriegsmaterial. Seine Ansicht wurde von bedeutenden Männern geteilt, aber nicht von der Hofpartei, und als er von dieser wegen seiner Reformen gestürzt war (Mai 1776), die den privilegierten Ständen mißfielen, wurde aus der heimlichen Parteinahme bald eine offene. Nach der Unabhängigkeitserklärung traten an Stelle der bisherigen geheimen Agenten wirkliche Bevollmächtigte der „Vereinigten Staaten von Nordamerika“.

Im Dezember 1776 erschienen als solche Benjamin Franklin, Silas Deane und Lee in Paris, um von der französischen Regierung die Anerkennung des neuen Staates, sowie den Abschluß eines Bündnisses zu erlangen. Diese Verhandlungen gingen zwar vorläufig nur durch Mittelspersonen, da die französische Regierung noch nicht mit England brechen wollte — auch der neue Finanzminister Necker erklärte sich wegen der Finanznot gegen unmittelbare Einmischung; man war noch nicht genügend gerüstet und große militärische Erfolge hatten die Amerikaner bislang nicht aufzuweisen —, aber sie hoben doch die Begeisterung für Amerika in Frankreich noch mehr.

Die amerikanischen Agenten in Frankreich. Silas Dean, ein Mitglied des Kongresses, war schon vor dem Abfall der Kolonien als politischer Agent und Handelskommissär nach Frankreich gekommen, wo er mit der Regierung sowie Privaten unterhandelte, um Geld zu leihen, Kriegsmaterial zu kaufen, Offiziere und Freiwillige zu werben; er sammelte auch einen Kreis von Personen um sich, die von Begeisterung für die Sache der Amerikaner, von Haß gegen England und von Kriegslust erfüllt waren. Auf sein Betreiben gingen mit Erlaubnis der Regierung reiche Geldmittel, Kriegsmaterial, durch dritte Hand von der Regierung erhalten, sowie zahlreiche Offiziere nach Amerika. Die nach der Unabhängigkeitserklärung eingetroffenen Gesandten gewannen die öffentliche Meinung noch mehr für die amerikanische Sache. Ohne jede Kenntnis der engherzigen religiösen und politischen Ansichten der herrschenden Klasse in den Kolonien sah man in den Amerikanern Kämpfer für religiöse Freiheit und politische Ideale, selbst die recht nüchternen Nachrichten der nach Amerika gegangenen Offiziere blieben unbeachtet.

Franklin war der rechte Mann, diese Stimmung zu heben. Statt eines klugen und berechnenden Diplomaten, wie er es war, sah man in dem mit gesuchter Einfachheit, mit Ruhe und Milde auftretenden alten Manne das Vorbild des vollendeten Philosophen. Er wurde der Mann des Tages; Philosophen, junge Offiziere, Damen der Gesellschaft und Höflinge drängten sich zu ihm. Immer mehr gab man dem Bestreben der Gesandten nach, Frankreich zu offener Parteinahme zu bewegen, vernachlässigte die Vorsicht bei den Unterstützungen und versuchte kaum noch, England durch friedliche Versicherungen zu täuschen. Viele bedeutende Personen gingen von oder über Frankreich nach Amerika, so der junge Marquis de Lafayette, einer der glänzendsten und reichsten Edelleute, der in Begleitung des schon als Agent Choiseuls erwähnten deutschen Barons von Kalb und einer kleinen auserlesenen Schar auf eigenem Schiff hinübersegelte; die Regierung sandte ihm mit Rücksicht auf England der Form halber einen Haftbefehl nach und ließ ihn auch durch zwei Kriegsschiffe verfolgen. Ihm folgten später der ehemalige preußische Offizier und Adjutant Friedrichs II. von Steuben, der Pole Kosciusko sowie verschiedene Franzosen, die sich nachher in den Revolutions- sowie Napoleonischen Kriegen auszeichneten, z. B. Custine und Berthier.

Als dann am 4. Dezember 1777 die Nachricht von der Kapitulation des englischen Generals Burgoyne bei Saratoga eintraf, schien der günstige Augenblick gekommen, Englands Verlegenheit auszunutzen. Vergennes empfing am 12. Dezember die Gesandten öffentlich, Frankreich erkannte am 6. Februar 1778 die neue Republik an, schloß mit ihr einen Handelsvertrag und verpflichtete sich, sie mit seiner ganzen Kraft zu unterstützen, bis sie ihre Unabhängigkeit errungen habe. Es stellte nur die Bedingung, daß die Amerikaner nicht Frieden schließen dürften, ehe ihre Unabhängigkeit gesichert sei, denn man nahm an, England werde um seine wertvollste Kolonie bis aufs äußerste kämpfen und so schwere Schädigung erleiden. Frankreich verzichtete dagegen feierlich für alle Zeiten auf jeden Besitz in Nordamerika, womit auch der Wiedererwerb Kanadas ausgeschlossen war; es behielt sich nur Eroberungen südlich der Bermudainseln, in Westindien, vor.

Dieser Vertrag wurde am 13. März an England bekanntgegeben mit dem Zusatz, daß sich die Vereinigten Staaten bereits im Besitz ihrer Unabhängigkeit befänden und daß Frankreich erwarte, England würde alles vermeiden, was seinen Handel mit denselben stören könne. Dies war eine ausgesprochene Kriegsdrohung, und England rief darauf ohne weiteres seinen Gesandten ab, der Paris am 16. März ohne Abschied verließ. Frankreich tat das gleiche am 17. Eine formelle Kriegserklärung erließ keine der Parteien, auch nicht, als die kriegerischen Unternehmungen begannen. Der König von Spanien versuchte noch zu vermitteln, von Frankreich hierzu angeregt, und dieses beging den Fehler, nicht gleich anzugreifen, obgleich es kriegsbereiter als England war. Der Krieg ward erst im Juni von diesem eröffnet, doch war schon am 13. April eine französische Flotte nach Amerika gesegelt.

Spanien zur offenen Parteinahme zu bewegen, war bisher nicht gelungen. Wenn auch die Minister den Krieg mit England wünschten, so war doch der König nicht geneigt, eine Republik anzuerkennen, geschweige denn, sich mit ihr zu verbünden, und so gab man vorläufig nur Geldunterstützungen für die Amerikaner; man sollte überhaupt annehmen, daß es einer Macht, die selber weitentlegene Kolonien besaß, nicht hätte ratsam erscheinen dürfen, aufständische Kolonien eines anderen Staates zu unterstützen, aber die Hoffnung Gibraltar, Minorca und vielleicht gar Jamaika wiederzuerringen, ließ wohl über diesen Punkt hinwegsehen. Frankreich und die spanischen Minister versuchten stetig weiter, den König umzustimmen, jedoch noch im März 1779 blieb der König von Spanien selbst eigenhändigen Briefen Ludwigs XVI. unzugänglich. Da benutzte man seine persönliche Eitelkeit, machte ihn glauben, es sei seine Pflicht, zwischen Frankreich und England zu vermitteln, und als dann seine Bemühungen an Englands unannehmbaren Bedingungen scheiterten, hatte man ihn gewonnen. Am 12. April 1779 unterzeichnete Spanien einen Vertrag mit Frankreich, demzufolge ein gemeinsamer Einfall in England oder Irland unternommen und Minorca erobert werden solle; beide Mächte verpflichteten sich, in keinen Frieden oder Waffenstillstand zu willigen, ehe Gibraltar genommen sei. Den Krieg erklärte Spanien erst am 16. Juni, um seine Rüstungen inzwischen zu vollenden.

Ziele des spanisch-französischen Bündnisses. In dem Vertrage wurden als Ziele des Krieges festgelegt: Für Spanien: die Wiedergewinnung von Gibraltar, Minorca, Pensacola nebst der Küste von Florida längs des Bahamakanales; Vertreibung der Engländer aus der Honduras- und Campeche-Bucht. Für Frankreich: Aufhebung der Verpflichtungen, Dünkirchen sowie die Niederlassungen in Ostindien nicht zu befestigen; Eroberung Dominicas.

An Holland erklärte England am 20. Dezember 1780 selber den Krieg, als sein Versuch 1779, auf Grund des nun gerade hundert Jahre alten Vertrages von den Niederlanden Unterstützung zu erhalten, wenn ein Einfall in England drohe, am Widerstand der französischen Partei der Republik gescheitert war. Dagegen hatten auch hier die Unterhändler Amerikas Erfolg. In Amsterdam war es ihnen gelungen, Anleihen unterzubringen, ja 1779 im geheimen einen Handelsvertrag abzuschließen. England erhielt 1780 Kenntnis davon und suchte nun einen Kriegsgrund, denn auf Hollands Hilfe konnte man nicht mehr rechnen, als Gegner aber fiel es bei der Schwäche seiner Marine nicht ins Gewicht, sein Handel und seine Kolonien boten dagegen lohnende Angriffsobjekte. Als nun Holland der gegen England gerichteten sogenannten „bewaffneten Neutralität der Ostseemächte“ beitreten wollte, war der Grund gefunden[116].