England war in einer gefährlichen Lage; es mußte neben dem Kampfe um Wiederherstellung seiner Oberhoheit in Nordamerika auch seine, während der letzten hundert Jahre errungene Seeherrschaft verteidigen. Diese Obmacht zu brechen, die außer auf einer starken Marine auf den Kolonien, den Marinestationen draußen und dem Seehandel in allen Teilen der Welt beruhte, war das Ziel der Gegner. England befand sich in diesem Kriege in der Verteidigung und suchte seine außerheimischen Besitzungen überall durch eine genügende Macht zu sichern. Da nun seine Seestreitkräfte denen der Gegner zahlenmäßig anfangs unterlegen, später etwa gleich waren, hatten die Gegner mehrfach auf einem der Kriegsschauplätze, meistens auf dem europäischen, das Übergewicht. Englands Streitkräfte waren aber aus einem Guß und lagen in einer Hand, die der Verbündeten verstanden sich nicht immer und wurden oft getrennt zu Sonderzwecken eingesetzt; beides Schwächen der meisten Bündnisse. Zudem war auch der innere Wert der englischen Marine doch ein höherer als der der anderen, vornehmlich der spanischen, und so ging England schließlich unbesiegt aus dem schweren Kampfe hervor.

In den vorhergegangenen Kriegen des 18. Jahrhunderts tritt zwar der große Einfluß der unbeschränkten Seeherrschaft mehr hervor, das darauf fußende stolze Auftreten Englands kennzeichnet ihn, aber der jetzt zu besprechende ist seekriegsgeschichtlich bedeutungsvoller. Die europäischen Gewässer von England bis Gibraltar, die Küsten Nordamerikas, sowie West- und Ostindien bieten Kriegsschauplätze für große Flotten. Die Strategie beider Parteien gibt Anlaß zu eingehenden Betrachtungen, und auch in Hinsicht auf die Taktik bringt der Krieg viel Bemerkenswertes. Auf allen Kriegsschauplätzen messen sich Flotten gleicher Stärke in zahlreichen rangierten Schlachten, während die vorhergegangenen Kriege deren nur wenige brachten. Gerade in den Kämpfen des Seekrieges 1778–1783 erkennen wir deutlich die Entwicklung der Seetaktik, wie wir sie als eins der Kennzeichen des IV. Abschnittes hingestellt haben.

Die Streitmittel.

Die innere Geschichte der Marinen Frankreichs und Englands ist bereits im Kapitel II (Seite 24 ff.) behandelt, dort sind sie auch auf ihren Wert miteinander verglichen unter Hervorhebung einiger gerade für den vorliegenden Krieg bemerkenswerten Punkte. Wir können uns deshalb hier fast ganz auf Angaben über die Schiffsbestände und Schiffsverluste, sowie auf Hinweise betreffend die wichtigsten anderen Punkte beschränken.

Frankreich. Den Schiffsbestand um 1778 kann man mit einiger Sicherheit auf 70–80 Linienschiffe, 70 Fregatten und Korvetten, sowie etwa 100 kleinere Fahrzeuge annehmen. Zur Verwendung überhaupt sind während des ganzen Krieges 92 Linienschiffe gekommen: 6 des ersten Ranges (110 Kanonen), 2 des zweiten (86 Kanonen), 84 des dritten (7 zu 80, 48 zu 74, 29 zu 64 Kanonen). Diese Zahl ist gleichzeitig niemals vorhanden gewesen, in ihr sind Schiffe enthalten, die verloren gingen, und solche, die neu erbaut wurden. Der Verlust betrug 18 Linienschiffe, sowie etwa 50 Fregatten und Korvetten; von den ersteren sind 12 vom Feinde genommen, die übrigen vernichtet oder sonst verunglückt[117].

Die Schiffe waren fast sämtlich neu, vorzügliche Seeschiffe und auch besser gehalten als in den vorangegangenen Kriegen, da Werften, sowie Arsenale leistungsfähiger waren, doch scheint hierin nach der Amtstätigkeit der beiden Choiseul schon wieder ein Rückschritt eingetreten zu sein. Frankreich hatte jetzt auch Dreidecker (Schiffe ersten Ranges), es stellte aber, wenn auch selten, noch immer 50-Kanonenschiffe in die Linie ein; seine Hauptkraft lag in Schiffen zu 74 Kanonen. Nur ein Bruchteil der Linienschiffe war gekupfert, und dies gereichte ihnen zum Nachteil gegenüber den englischen durchweg gekupferten, da die ungekupferten langsamer waren und dadurch häufig die schnelleren behinderten.

Die Seeoffiziere waren besonders theoretisch sehr gut ausgebildet. Ihre Zahl reichte aber bei der Indienststellung während dieses Krieges nicht aus, so daß man stark auf die Reserve aus der Handelsmarine (die sogenannten „officiers bleus“, vgl. Seite [31]) zurückgreifen und auch Offiziere des Heeres in die Marine einstellen mußte. Auch an Mannschaften mangelte es, obgleich die seemännische Bevölkerung zugenommen hatte und gegen 67000 Mann in den Inskriptionslisten verzeichnet waren. Besonders später nach Verlusten, hauptsächlich durch Krankheiten infolge der schlechten gesundheitlichen Verhältnisse an Bord hervorgerufen, mußte man Fremde (Malteser, Genueser, ja Albaneser) anwerben, Seesoldaten sowie Mannschaften des Heeres an Stelle fehlender Matrosen einschiffen.

Spanien besaß 1778 70 Linienschiffe: 2 zu 110 und 114 Kanonen, 2 zu 86, 7 zu 80, 48 zu 70–74, 11 zu 64. Hinzu traten 2 Schiffe zu 60, 2 zu 50, sowie genügend Fregatten usw. Die Marine war mithin unter Karl III. stattlich gewachsen, auch waren die Schiffe neu und gut gebaut. Aber alle Quellen stimmen darin überein, daß es der spanischen Marine infolge der sonstigen Verhältnisse im Lande an einer gesunden Organisation gefehlt habe und daß, wie bisher, Werften und Arsenale nicht imstande gewesen wären, die Schiffe gut auszurüsten. Ebenso sollen Offiziere wie Mannschaften wie früher im allgemeinen minderwertig gewesen sein. Der Verlust an Linienschiffen betrug 8, darunter 4 vom Feinde genommen, und 18 andere Kriegsfahrzeuge[118].

Holland hatte kaum noch eine nennenswerte Marine.

Die innere Geschichte seiner Marine sei kurz berührt (anschließend an Seite 59; zusammengestellt nach de Jonge, Band IV, Seite 282, 392, 432, 472). Wilhelm IV., seit 1747 Statthalter, hatte versucht, die Marine wieder zu heben. Er schuf Einrichtungen zu besserer wissenschaftlicher Ausbildung der Seeoffiziere und sorgte für ihre Vermehrung, sowie schnellere Beförderung. Er ernannte 5 Leutnantsadmirale, 6 Vize[222]- und 8 Kontreadmirale, so daß die Marine mehr Flaggoffiziere zählte als zur Zeit ihres höchsten Glanzes. Er erstrebte ferner, die Admiralitäten von ihren Schulden zu befreien und die Zahl der Schiffe zu vermehren. Man faßte auch dahinzielende Beschlüsse, doch wurden diese weder während der kurzen Regierung Wilhelms (bis 1751) noch unter der vormundschaftlichen Regierung seiner Gemahlin Anna durchgeführt, und nach deren Tode (1759) schlief die Teilnahme für die Marine wieder völlig ein.